Inhalt

Ziel

Der Educa-Trendbericht verfolgt das Ziel, relevante technologische, gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Entwicklungen im digitalen Bildungsbereich frühzeitig sichtbar zu machen. Er zeigt auf, welche Themenbereiche aus heutiger Sicht als längerfristig bedeutsam für das Bildungssystem gelten und wo zukünftige Veränderungen erwartet oder Handlungsbedarfe notwendig sein werden. Gleichzeitig macht der Bericht auf Entwicklungen aufmerksam, die aktuell noch wenig Beachtung finden, jedoch das Potenzial haben, den digitalen Bildungsraum nachhaltig zu verändern. Damit unterstützt der Trendbericht eine vorausschauende Orientierung im Umgang mit zukünftigen Entwicklungen des digitalen Bildungsraums.

Horizon-Scanning und Delphi-Befragung

Hypothesen und ihre Bewertung

Educa beobachtet und dokumentiert laufend technologische und gesellschaftliche Entwicklungen im Bildungsbereich. Dieses Monitoring diente als Grundlage für eine Delphi-Befragung in zwei Runden. Zuerst sammelten wir mit offenen Fragen ein breites Themenspektrum, das wir zu 53 Hypothesen verdichteten und in elf Themengebiete gruppierten. Im zweiten Teil bewerteten Expertinnen und Experten diese Hypothesen (vgl. Anhang 2). Die Referenzhinweise im Text beziehen sich auf die Hypothesen (z. B. B10T01) bzw. Kommentare (z. B. K01).

EdTech – Veränderung der Governance: von der Produktperspektive zur Unternehmensverantwortung 

Mit der zunehmenden Digitalisierung des Bildungssektors entwickelt sich EdTech vom optionalen Zusatz zu einem systemrelevanten Bestandteil des Bildungssystems (vgl. B09T09 im Anhang 1). Private EdTech-Unternehmen werden zunehmend Prozesse in der Bildung transformieren und dabei Aufgaben übernehmen, die traditionell in der Verantwortung der öffentlich-rechtlichen Akteure lagen. Entsprechend wichtig ist Klarheit und Bewusstsein zu haben, wo die Verantwortungen liegen. Während Zuständigkeiten unter Umständen delegiert werden können, so sind im öffentlich rechtlichen Bereich Verantwortungen in der Regel festgelegt. Die Möglichkeit, Prozesse technologisch zu transformieren, wird im Bereich Barrierefreiheit als Potenzial gesehen. In dem Bereich leisten beispielsweise immersive Technologien einen entscheidenden Beitrag, indem individuell anpassbare Lernräume geschaffen werden (vgl. B10T04). Derzeit kollidieren Anforderungen und Bedürfnissen des öffentlich-rechtlichen Bildungssystems mit digitalen Geschäftsmodellen (vgl. B03T01 und B05T04). Digitale Geschäftsmodelle, die dieser Antagonismus konstruktiv lösen können, sind gefragt.

Auf EU-Ebene zeichnet sich ein Trend ab, dass neben dem Prüfen regulatorischer Anforderungen der Produkte, Techunternehmen eine Unternehmensverantwortung zugeschrieben wird für systemische Herausforderungen, wie Nachhaltigkeit, digitale Souveränität, Cybersicherheit und systemische Risiken (vgl. B09T04)). Erste Hinweise darauf sind auf EU-Ebene politikbereichsübergreifend erkennbar und in spezifischen Bereichen wie FinTech beispielhaft zu finden: 

Dementsprechend werden sich EdTech-Unternehmen und Bildungsverantwortliche in Zukunft vermehrt gemeinsam mit systemischen Fragestellung auseinandersetzten und die Zusammenarbeit gestalten. Um diese Zusammenarbeit zwischen privatrechtlichen und öffentlich-rechtlichen Akteuren zu strukturieren und Geschäftsmodelle zu fördern, die den Werten und Bedürfnissen der Bildung entsprechen, wird Regulierung als notwendige Grundlage betrachtet (vgl. B09T02 und B04T01).

Vonseiten der öffentlich-rechtlichen Akteure bietet das Beschaffungsrecht die Grundlage für diese Zusammenarbeit (vgl. B01T03). Des Weiteren deuten Entwicklungen auf EU-Ebene darauf hin, dass es vermehrt zu gemeinsamen Entwicklungsvorhaben kommt, wie beispielsweise durch Pre-Commercial Procurement als einer der Schwerpunkte beim European Innovation Act.

Fragmentierte Steuerung der digitalen Bildung

Die Steuerung der Schweizer Bildung ist weiterhin fragmentiert. Ein Hebel zur Steuerung bietet das Beschaffungsrecht. Dieser bleibt jedoch in seiner Wirkung begrenzt, da sein Potenzial nur teilweise genutzt wird (vgl. B02T05, B02T02). Gleichzeitig entsteht durch gemeinsame Beschaffungen neuer Handlungsspielraum zwischen Eigenentwicklung und Fremdbezug, während Ausschreibungen weiterhin stark technisch geprägt sind und pädagogische Zielsetzungen nur teilweise gleichwertig berücksichtigt werden (vgl. B02T04, B02T03, B02T01).

Auch die Regulierung der Sicherheits-Governance bleibt fragmentiert: Zunehmende Cyberrisiken führen zwar zu mehr Investitionen in Schutzmassnahmen, doch bleiben Zuständigkeiten für Informationssicherheit und Datenschutz kantonal uneinheitlich, wodurch Verantwortung strukturell bei den Schulen verbleibt (vgl. B05T04 , B05T03, B05T02). Dasselbe gilt für die eingesetzten Lernapplikationen, für die die Kantone nur teilweise Verantwortung im Bereich Informationssicherheit und Datenschutz übernehmen (vgl. B01T04). Durch die fragmentierte Aufgabenverteilung entstehen Reibungsverluste bei der Sicherstellung der Informationssicherheit und des Datenschutzes im Bildungsraum.

Im gleichen Spannungsfeld entwickelt sich der Bildungsdatenraum. Trotz vieler Anwendungsfälle fehlt es an kohärenter Regulierung, da uneinheitliche Datenaustauschregeln, fehlende Koordination und unsichere Finanzierungsmodelle einer konsistenten Umsetzung im Weg stehen (vgl. B04T04, B04T01, B04T02, B04T05). Der Datenraum entsteht damit nicht als Ergebnis eines einheitlichen Regulierungsrahmens, sondern schrittweise aus den bestehenden Strukturen.

Ein einheitlicheres Bild zeichnet sich im Bereich der digitalen Souveränität ab. Die digitale Souveränität etabliert sich als dauerhaftes Handlungsfeld des Bildungssystems. Regulatorische Vorgaben und politischen Rahmenbedingungen fördern die Umsetzung (vgl. B08T01, B08T03), während geopolitische Entwicklungen die Bedeutung des Themas zusätzlich verstärken (B08T02). Trotzdem stehen bei Beschaffungsentscheiden weiterhin finanzielle und organisatorische Aspekte im Vordergrund, und digitale Souveränität wird nicht in jedem Fall konsequent umgesetzt (vgl. B08T04). Die digitale Souveränität wird deshalb nicht durch einzelne Entscheide, sondern in einem schrittweisen Transformationsprozess gestärkt (K01).

Von Technologieverfügbarkeit hin zu Fragen der Teilhabe

Die zunehmende Digitalisierung des Bildungssystems verschärft bestehende Fragen der Chancengerechtigkeit. Öffentliche digitale Infrastrukturen und frei zugängliche Angebote tragen dazu bei, den Digital Divide zu verringern (vgl. B06T02). Gleichzeitig bleibt jedoch die Unsicherheit bestehen, ob das Bildungssystem allen Lernenden einen gleichwertigen Zugang zu leistungsfähigen KI-Anwendungen ermöglicht (vgl. B06T01). Insbesondere kostenintensive KI-Angebote werden bestehende Unterschiede zwischen finanziell gut ausgestatteten und weniger privilegierten Bildungseinrichtungen vermutlich weiter verstärken. Dieser Effekt verstärkt sich dadurch, dass wohlhabende Familien voraussichtlich Zugang zu umfangreicheren KI-Diensten und kostenpflichtigen KI-Suiten haben werden, die Schulen nicht flächendeckend bereitstellen können (vgl. K02). Dadurch könnten neue digitale Ungleichheiten entstehen, obwohl digitale Technologien ursprünglich als Instrument zur Förderung von Chancengleichheit gelten.

Parallel dazu zeigt sich eine ambivalente Entwicklung im Umgang mit Digitalisierung im Bildungsalltag. Einerseits eröffnen KI-gestützte Systeme Möglichkeiten zur Individualisierung des Lernens und zur Entlastung von Lehr- und Lernprozessen. Andererseits wächst die Skepsis gegenüber einer permanent digitalisierten Lernumgebung (vgl. B06T04). Besonders bei Lehrpersonen (vgl. K03) tritt eine zunehmende Ermüdung (KI-Fatigue) im Umgang mit digitalen und KI-gestützten Tools auf, während gleichzeitig der Wunsch nach analogen Lernformen und einem ausgewogeneren pädagogischen Setting besteht (vgl. B06T05). Vor diesem Hintergrund gewinnt nicht nur der Zugang zu digitalen Technologien an Bedeutung, sondern zunehmend auch die Frage, wie kompetent und reflektiert diese genutzt werden. Medien- und Datenkompetenz werden als zentrale Grundkompetenz verstanden (vgl. B03T02). Nicht allein die Verfügbarkeit digitaler Werkzeuge wird entscheidend sein, sondern insbesondere die Fähigkeit, diese reflektiert, kritisch und verantwortungsvoll einzusetzen (vgl. K04). Damit verschiebt sich der Fokus von reiner Technologieverfügbarkeit hin zu Fragen der Teilhabe, Kompetenzentwicklung und gesellschaftlichen Gestaltung digitaler Bildung.

KI als Bildungsinfrastruktur

Künstliche Intelligenz wird sich in den kommenden Jahren als systemische Technologie im Bildungssystem etablieren. Weiter wird sie zunehmend als integraler Bestandteil bestehender EdTech-Strukturen verstanden werden, anstatt als eigenständige Lösung. Sie erweitert bestehende Lernapplikationen, Plattformen und digitale Lehrmittel, die sich durch die Integration von KI kontinuierlich weiterentwickeln, ohne ersetzt zu werden (vgl. B09T07).

Damit vertieft sich ihre Einbindung in schulische Prozesse: Lehrpersonen werden insbesondere bei administrativen Aufgaben entlastet, während Lernangebote stärker individualisiert und gezielter auf die Bedürfnisse von Schulen und Lernenden ausgerichtet werden (vgl. B11T03, B01T01). Gleichzeitig gestalten sich Lehrpläne dynamischer und anpassungsfähiger, indem Inhalte und Kompetenzen fortlaufend weiterentwickelt werden, um auf technologische und gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren (vgl. B11T04). Parallel dazu entwickelt sich auch der Umgang mit KI differenzierter. Der Diskurs verlagert sich von pauschalen Einschätzungen hin zu kontextbezogenen Betrachtungen, in denen Einsatzzwecke, Funktionsweisen sowie pädagogische und datenschutzrechtliche Fragestellungen stärker berücksichtigt werden. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an Steuerung, Kontrolle und Qualitätssicherung der KI-System, wodurch ein Teil der Effizienzgewinne durch zusätzlichen Aufwand für Überprüfung und Kontrolle relativiert wird (vgl. B11T06).

«  Die Frage zu Effizienzgewinnen lässt sich noch nicht beantworten, bis wir etwas Klarheit darüber haben, wie KI eingesetzt wird (vgl. K05).  »

Auf infrastruktureller Ebene bildet sich eine ausdifferenzierte Landschaft heraus: Neben grossen cloudbasierten Modellen kommen vermehrt lokal betriebene Systeme zum Einsatz, insbesondere zur Wahrung von Datenschutz und digitaler Souveränität (vgl. B11T02). Diese Koexistenz unterschiedlicher Betriebsformen ermöglicht flexible, kontextspezifische Lösungen, erhöht jedoch gleichzeitig die Komplexität der Systemlandschaft. Ergänzend dazu bleibt offen, in welchem Umfang eigene, spezifisch auf den Bildungsbereich zugeschnittene KI-Modelle entstehen (vgl. B11T05).

Vertrauen, Identität und Datennutzung im digitalen Bildungsraum

Der digitale Bildungsraum erfordert verlässliche Mechanismen zur Verifizierung von Personen und Leistungen. Elektronische Nachweise werden in den kommenden 5 Jahren flächendeckend als Alternative zu den bisherigen Nachweisen zur Verfügung stehen und eine Vielzahl Anwendungsfälle eröffnen oder vereinfachen  (vgl. B07T02).  Weniger disruptiv entwickelt sich die Rolle von Micro-Credentials: Traditionelle Abschlüsse werden in absehbarer Zeit kaum durch aufkommende Micro-Credentials modularisiert und im Umfang verändert (vgl. B07T01). Parallel dazu werden föderierte Identitäten für Lehrpersonen und Lernende zu einem elementaren, nahezu flächendeckend eingesetzten Baustein der digitalen Bildung (B07T03). Der Einsatz von selbstbestimmten Identitäten (wie die e-ID) bei Lernenden unter 14 Jahren ist umsetzbar (vgl. B07T04). Diese Etablierung von sicheren und datenschutzorientierten Identitätsmodellen bildet zeitgleich einen essentiellen Bestandteil des Fundaments eines modernen Bildungsdatenraum. Denn ohne ein robustes und vertrauenswürdiges Identitätsmanagement gliche dieser Raum im Grunde nur dem offenen, unregulierten Internet. Folglich wäre, gerade im Bildungsbereich mit einer Mehrzahl an besonders schützenswerten Daten, ein sicherer Datenaustausch kaum möglich. Ist dieses Fundament jedoch geschaffen, trägt dies nicht nur dem Aufbau des Bildungsdatenraumes selber zu, sondern gleichzeitig auch der Bereitschaft zum horizontalen Anschluss an benachbarte Sektoren im Datenökosystemschweiz.