Digitale Technologien sind heute selbstverständlicher Bestandteil des Schulalltags. Lernplattformen, digitale Lehrmittel, Kommunikationswerkzeuge und datenbasierte Anwendungen unterstützen Unterricht, Zusammenarbeit und Administration. So entstehen digitale Ökosysteme, die die Rahmenbedingungen schulischer Bildung zunehmend mitbestimmen.

Diese Entwicklung ist eng mit dem Aufstieg von EdTech verbunden. Indem sie Technologien für den Bildungsbereich adaptieren, entwickeln EdTech-Unternehmen neue Produkte, ermöglichen neue Formen des Lehrens und Lernens und etablieren zugleich neue Geschäftsmodelle.  EdTech unterstützt so bestehende Bildungsprozesse und trägt zugleich zunehmend zu deren Weiterentwicklung bei. Gleichzeitig verändert sich dadurch auch der Rahmen, in dem Bildung organisiert wird.

Für das öffentlich-rechtliche Bildungssystem der Schweiz stellt sich deshalb die Frage, wie die Potenziale digitaler Technologien genutzt werden können, ohne die eigenen Ziele und Werte zu verlieren. Im Zentrum stehen dabei zwei eng verwandte, aber zu unterscheidende Konzepte: digitale Selbstbestimmung auf individueller Ebene und digitale Souveränität auf  institutioneller und staatlicher Ebene. Können die Menschen im Bildungssystem digitale Technologien verstehen, hinterfragen und mitgestalten? Oder steuern durch Anbieter auferlegte Anforderungen die Institution? Und: Verfügen Schulen und öffentliche Institutionen über die Kontrollmöglichkeiten und Handlungsfähigkeit, die es dazu braucht?

Zwei Konzepte, eine Zielfrage

Digitale Selbstbestimmung ist in den Kompetenzzielen der sprachregionalen Lehrpläne der Schweiz, dem Lehrplan 21, dem Plan d’études romand (PER) und dem Piano di studio, verankert. Die drei Lehrpläne verfolgen das Ziel, Lernende dazu zu befähigen, sich sicher, kritisch und verantwortungsvoll in digitalen Umgebungen zu bewegen. Dazu gehören der reflektierte Umgang mit persönlichen Daten, das Verständnis der Funktionsweise digitaler Medien und Systeme, die Beurteilung von Informationen sowie die Fähigkeit, die Auswirkungen digitaler Technologien auf Individuum und Gesellschaft einzuschätzen. Digitale Selbstbestimmung ist dabei kein Abwehrkonzept, das auf den Verzicht digitaler Technologien oder die Abschottung von Daten abzielt. Vielmehr beschreibt sie die Fähigkeit, digitale Technologien bewusst, informiert und im Einklang mit den eigenen Zielen zu nutzen. Datenschutz ist dabei eine wichtige Facette, genügt jedoch allein nicht. Hinzu kommen Transparenz über Datenflüsse, nachvollziehbare digitale Prozesse, ein Verständnis der zugrunde liegenden Systeme sowie reale Handlungsspielräume, um informierte Entscheidungen über die eigene digitale Präsenz und die Nutzung digitaler Dienste treffen zu können.

Demgegenüber bezeichnet digitale Souveränität eine institutionelle und staatliche Kategorie. Der Bundesrat definiert sie in seinem Bericht «Digitale Souveränität der Schweiz» vom November 2025 als die «erforderliche Kontroll- und Handlungsfähigkeit im digitalen Raum, um die Erfüllung staatlicher Aufgaben sicherzustellen». Im Zentrum stehen Unabhängigkeit, Resilienz und die Fähigkeit, digitale Infrastrukturen unter eigener Kontrolle zu halten. Diese Definition bezieht sich auf Staaten und Organisationen und nicht auf einzelne Personen.

Beide Konzepte sind aufeinander bezogen, aber nicht deckungsgleich. Digitale Selbstbestimmung ist ein Bildungsziel: Sie beschreibt, wie Lernende und Lehrpersonen in einer digitalen Welt handlungsfähig werden und bleiben, indem sie digitale Technologien, Daten und digitale Identitäten bewusst, kritisch und eigenverantwortlich nutzen. Digitale Souveränität ist eine institutionelle Voraussetzung dafür: Sie beschreibt, welche Rahmenbedingungen Schulen, Kantone und der Staat schaffen müssen, damit individuelle Selbstbestimmung überhaupt möglich wird. Eine Schule ohne institutionelle Souveränität kann Lernenden nur begrenzt Selbstbestimmung ermöglichen, und ein Staat ohne souveräne Infrastruktur kann entsprechende Bildungsziele nicht glaubwürdig verfolgen.

Das Individuum im Zentrum

Lernende profitieren von EdTech dort, wo digitale Technologien den Zugang zu Bildung erweitern. Eine Lernende in einer Berggemeinde kann auf dieselben Ressourcen zugreifen wie ein Lernender in der Stadt; adaptive Systeme ermöglichen individuelles Lerntempo und unmittelbares Feedback.

Gleichzeitig wird Lernen heute zunehmend von Daten begleitet. Sie werden gespeichert, analysiert und für weitere Entscheidungen beigezogen. Was als Personalisierung erscheint, kann auch bestehende Zuschreibungen verfestigen. Bildung soll jedoch Entwicklung ermöglichen, nicht Lernende auf Muster festlegen. Digitale Selbstbestimmung bedeutet hier: Lernende sollen verstehen, welche Daten sie erzeugen, wie diese verwendet werden und idealerweise auch Einfluss darauf haben.

Lehrpersonen bewegen sich ebenfalls in einem Spannungsfeld. Digitale Werkzeuge können administrative Aufgaben reduzieren, zugleich aber professionelle Urteile durch algorithmische Empfehlungen beeinflussen. Wer sich deren Logiken nicht bewusst ist, verliert Gestaltungs- und Entscheidungsspielraum. Digitale Selbstbestimmung bedeutet deshalb auch, digitale Werkzeuge bewusst einzusetzen und sich gegebenenfalls gegen sie zu entscheiden.

Ausserhalb der institutionellen Bildung erweitern offene Bildungsressourcen und KI-gestützte Angebote den Zugang, bieten jedoch oft wenig institutionellen Schutz oder Transparenz. Hier ist die individuelle Urteilsfähigkeit besonders gefordert.

Allen Beteiligten gemeinsam ist eine grundlegende Asymmetrie: Sie erzeugen Daten über ihr Lernen und Arbeiten, verfügen jedoch nur begrenzt über deren Nutzung. Digitale Selbstbestimmung beginnt mit der Sichtbarmachung dieser Asymmetrie und führt zur Frage, wer tatsächlich über diese Daten verfügt.

Digitale Identität als Steuerungsebene

Digitale Selbstbestimmung zeigt sich im Bildungssystem nicht abstrakt, sondern konkret in digitalen Identitäten. Sie bestimmen, wer welche Berechtigungen und welchen Zugang zu welchen Ressourcen erhält, welche Datenspuren hinterlassen werden und wie diese mit Lern- und Arbeitsprozessen verknüpft sind. Für Lernende ist die digitale Identität der Schlüssel zu Lernplattformen, Ressourcen und Nachweisen. Für Lehrpersonen strukturiert sie Rollen und Rechte. Für Organisationen bildet sie die Grundlage für Governance, Datenflüsse und Systemintegration.

Digitale Identität ist damit kein bloss administratives Hilfsmittel, sondern eine infrastrukturelle Voraussetzung von Bildungsprozessen selbst. Ihre Gestaltung entscheidet über den Grad an digitaler Souveränität und Selbstbestimmung im System: Proprietäre und fragmentierte Identitäten erzeugen Abhängigkeiten, föderierte und interoperable Systeme eröffnen Handlungsspielräume.

Die Schule als institutionelles Umfeld

Individuelle digitale Selbstbestimmung setzt institutionelle digitale Souveränität voraus. Eine Schule, die ihre digitale Infrastruktur nicht versteht oder beeinflussen kann, kann auch ihren Lehrpersonen sowie Schülerinnen und Schülern nur begrenzt Selbstbestimmung ermöglichen.

Organisationale digitale Souveränität bedeutet, dass Schulen wissen, welche Systeme sie einsetzen, welche Daten wohin und zu wem fliessen, welche Rechte sie gegenüber Anbietern haben und dass sie diese Auswirkungen beurteilen können. In der Praxis werden Plattformen jedoch oft wegen ihrer Verbreitung oder administrativen Vorteile eingeführt, während Fragen zu Governance und Abhängigkeiten in den Hintergrund treten. Dadurch entsteht die Gefahr, dass technologische Systeme die Bedingungen des Lernens faktisch vorgeben. Institutionelle digitale Souveränität ist deshalb mehr als Verwaltung: Sie beschreibt die Fähigkeit, bewusst zu entscheiden, welche Technologien eingesetzt werden und welche Handlungsräume dadurch entstehen.

Infrastruktur und Governance

Institutionelle digitale Souveränität setzt Rahmenbedingungen voraus, die einzelne Schulen nicht selbst schaffen können: gemeinsame Standards, föderierte Identitätssysteme, interoperable Plattformen und klare Governance-Strukturen.

In der Schweiz ist die digitale Identität im Bildungsbereich mit der Föderation der Identitätsdienste Edulog bereits als infrastrukturelle Grundkomponente angelegt. Edulog verbindet Schulen, Kantone und Dienste und strukturiert den Zugang zum digitalen Bildungsraum. Damit schafft es Voraussetzungen für einen verantwortungsvollen Umgang mit Identitäts- und Personendaten und eröffnet Handlungsspielräume für Schulen, Lernende und Lehrpersonen.

Diese Ebene bleibt meist unsichtbar, ist aber entscheidend: Die konkreten Gestaltungsmöglichkeiten im Unterricht hängen wesentlich von den infrastrukturellen Rahmenbedingungen ab. Infrastruktur, die diesen Zweck nicht erfüllt, mag technisch funktionieren, verfehlt aber ihre bildungsbezogene Nutzung.

Entwicklungsaufgabe für das Bildungssystem

Erstens muss digitale Selbstbestimmung als Bildungsziel des einzelnen Menschen verstanden werden: als Fähigkeit, digitale Systeme kritisch zu verstehen, ihre Auswirkungen einzuordnen und sie selbstbestimmt zu nutzen.

Zweitens brauchen Lehrpersonen Kompetenzen, die über die reine Anwendung hinausgehen, um Funktionsweisen digitaler Systeme zu verstehen und pädagogisch reflektiert zu handeln.

Drittens benötigen Schulen transparente Kriterien für die Auswahl digitaler Technologien sowie nachvollziehbare Datenvereinbarungen, die sich daran messen lassen, ob sie Handlungsspielräume erweitern oder einschränken.

Viertens erfordert digitale Souveränität geeignete Governance-Formen und Investitionen in öffentliche Infrastrukturen. Föderierte Identitätssysteme und offene Standards sind keine technischen Details, sondern Voraussetzungen für Handlungsfähigkeit im digitalen Raum.

Qualität im digitalen Bildungsraum

Die Diskussion um digitale Selbstbestimmung und digitale Souveränität ist keine technische, sondern wirft relevante pädagogische, bildungspolitische und gesellschaftliche Fragen auf. Digitale Selbstbestimmung ist dabei kein Selbstzweck, sondern das Ziel; digitale Souveränität ist keine Option, sondern die zentrale Voraussetzung dafür, dass Menschen im Bildungssystem Technologien verstehen, hinterfragen und mitgestalten können.

Digitale Souveränität entfaltet sich nur dann, wenn Infrastruktur und Governance so gestaltet sind, dass sie die Handlungsfähigkeit der Individuen stärken und digitale Selbstbestimmung ermöglichen. Der digitale Bildungsraum entsteht nicht allein durch Technologien, sondern ebenso durch die Entscheidungen über deren Gestaltung und Nutzung.

Digitale Souveränität ist die Voraussetzung dafür, dass diese Entscheidungen informiert und verantwortungsvoll getroffen werden, um Lernenden und Lehrpersonen im digitalen Bildungsraum selbstbestimmtes Handeln zu ermöglichen. Sie trägt mithin nur dann zu Bildung bei, wenn sie der individuellen Selbstbestimmung dient.