Betrieblich Ausbildung von Lernenden im Homeoffice 

Mein Arbeitgeber, der Kaufmännische Verband Schweiz, beschäftigt knapp 60 Mitarbeitende. Am gemeinsamen Standort mit den Tochtergesellschaften werden sechs kaufmännische Lernende ausgebildet. Am 16. März wurde der Standort im Interesse des Gesundheitsschutzes vorübergehend geschlossen und alle Mitarbeitenden wechselten ins Homeoffice. Diese Umstellung war für uns Berufs- und Praxisbildende eine besondere Herausforderung. Von einem Tag auf den anderen galt es, die betriebsinterne Ausbildung ins «distance learning» zu verlagern sowie Begleitung, Betreuung und Beurteilung der Lernenden sicherzustellen.

Hard- und Software als Grundlage fürs Homeoffice – auch von Lernenden

Bereits vor zwei Jahren hatte sich der Verband auf den Weg in Richtung mobiles Arbeiten gemacht. Alle Mitarbeitende inkl. Lernende waren deshalb mit einem persönlichen Laptop sowie digitalen Programmen ausgerüstet. Zudem besteht ein gemeinsamer Server, auf dessen Dokument-Ablage auch ortsunabhängig zugegriffen werden kann. Die MS Office Anwendung OneNote erfreut sich in allen Teams grosser Beliebtheit und in einigen Abteilungen werden Tools wie Slack und Trello zur digitalen Zusammenarbeit in Projekten bereits intensiv genutzt. Von der Geschäftsleitung wurde MS Teams als gemeinsames Programm für die interne Kommunikation und Zusammenarbeit definiert. Somit waren alle Mitarbeitenden (d.h. auch Berufs- und Praxisbildende sowie Lernende) mit der notwendigen Hard- und Software ausgestattet, um im Homeoffice arbeiten zu können.

Nähe trotz Distanz: Die Wichtigkeit von Vertrauen und neuen Ritualen

In den ersten Tagen und Wochen nach dem für alle angeordneten Homeoffice galt es die Zusammenarbeit im (Lehr-)Betrieb neu zu organisieren. In unseren Abteilungen entschlossen wir uns für einen wöchentlich stattfindenden Austausch per MS Teams plus tägliche Video Call Check-ins mit unserer Lernenden. Diese hatte bereits zuvor ihre persönliche Wochen- und Tagesplanung in einem OneNote Notizbuch gemacht, in das wir Einblick hatten. Aufträge organisierten wir über ein gemeinsames Trello Board und bei Fragen waren wir jederzeit über Video Call und Chat ansprechbar. Auch das betriebsinterne Lernatelier (in Form von begleitetem selbstorganisiertem Lernen) wurde online weitergeführt. Da der Verband die Tools bereits vor dem angeordneten Homeoffice eingeführt und wir sie auch benutzt hatten, klappte die Verschiebung ins Homeoffice erstaunlich unaufgeregt und problemlos. 

Betriebliche Ausbildung aus der Ferne macht erfinderisch

Unsere Ausbildungsverantwortung als Lehrbetrieb konnten wir durch eine gute Planung und Dokumentation sicherstellen. Nur ganz selten konnte ein geplantes Leistungsziel aufgrund der Distanz nicht vollumfänglich vermittelt und beurteilt werden. In diesen Fällen kamen Pragmatismus und Kreativität der Praxisbildner und Praxisbilderinnen zum Zuge, die sich dann überlegten, wie das Leistungsziel dennoch vermittelt und beurteilt werden kann. Zum Teil mussten Handlungssituationen simuliert werden. Unterstützung erfuhren wir zudem von den Verbundpartnern der Berufsbildung, die die Beobachtungsperiode für die betriebliche Leistungsbeurteilung verlängerten. Ganz klar ist auf jeden Fall, dass wichtige Zukunftskompetenzen wie im Berufsentwicklungsprojekt «Kaufleute 2022» definiert sind, bereits heute in der Praxis angewendet und eingeübt werden.

In Austausch bleiben und erfahrungsbasiert gemeinsam lernen

Zum Gelingen des Fernlernens trug die gute Beziehung zwischen uns Praxisbildenden und unseren Lernenden entscheidend bei, aber auch die persönliche Reife, Kommunikationsfähigkeit, Selbständigkeit und Arbeitsorganisation der Lernenden. An- und Abwesenheiten trugen wir für alle einsehbar in unsere Outlook-Kalender ein. Die Tagesverantwortung organisierten wir alternierend zwischen uns beiden Praxisbildnerinnen. Unterstützt wurden wir dabei von unserer Berufsbildnerin, die regelmässig virtuelle Austausche für alle Praxisbildende organisierte, wo wir uns untereinander über Erfahrungen in der Begleitung, Betreuung und Beurteilung unserer sechs Lernenden austauschen und voneinander lernen konnten. Hilfreiche Inputs lieferte auch das online-Seminar «Umgang mit Homeoffice für KV-Lernende», welches der Kaufmännische Verband und seine Fachgruppe wbp «Wir Berufs- und Praxisbildner/innen» aus aktuellem Anlass aufbaute, sowie das Merkblatt «Homeoffice für KV-Lernende».

Im Bewusstsein, dass meine Erfahrungen nicht als repräsentativ betrachtet werden können und die betriebliche Ausbildung von Lernenden auf Distanz je nach Lernenden, Team und Betrieb (und den jeweils vorhandenen Ressourcen) sicherlich grosse Herausforderungen darstellt, ziehe ich persönlich eine positive Bilanz. Dennoch freue ich mich auf weitere Lockerungen der Schutzmassnahmen und die Rückkehr in eine neue Normalität. Um viele Erfahrungen reicher bin ich froh, wenn ich unsere Lernenden hoffentlich bald auch wieder «in echt» begleiten da

Lehr-Zwischenzeugnis

Eine neue Studie zeigt, dass die ausgeschriebenen Stellenangebote im Internet seit dem Corona-Lockdown um rund 45 Prozent zurückgegangen sind. Können Lehrabgänger und Lehrabgängerinnen nach Lehrabschluss nicht im Betrieb weiterbeschäftigt werden, haben sie Anspruch auf ein Lehr-Zwischenzeugnis, um sie beim Berufseinstieg zu unterstützen. Mehr dazu in der 20 Minuten «Sorgenecke für Lehrlinge» vom Juni 2019.

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