Wir befinden uns in einem ständigen Wandel, und die Möglichkeiten, die die Digitalisierung der Gesellschaft bietet, haben auch für die Bildung weitreichende Folgen: Traditionelle Organisationsformen, in denen der Diskurs stattfindet, werden in Frage gestellt. Es ermöglicht uns aber auch, auf neue, integrativere Weise mit anderen in Kontakt zu treten.

Neue Normen für die Gesellschaft

Organisationen sind institutionelle Arrangements, die es Menschen ermöglichen, sich um ein Thema von gemeinsamem Interesse zu versammeln und Entscheidungen zu treffen. Wir sind daran gewöhnt, uns Organisationen in physischer Form vorzustellen. Durch die Digitalisierung wird diese physische Präsenz jedoch zunehmend erodiert. So ist es beispielsweise heute üblich, an Sitzungen per Videokonferenz teilzunehmen oder Entscheidungen mittels Zirkularbeschluss per E-Mail zu treffen. Diese Tendenzen haben sich während der jüngsten Pandemie nur noch beschleunigt und sind nun zur neuen Normalität geworden.

Föderale Strukturen in einer virtuellen Welt

Was aber, wenn eine Organisation selbst komplett virtuelle Formen annimmt und ihre Governance-Strukturen automatisiert wären? Dies ist die Idee hinter dezentralen autonomen Organisationen (DAO), für die in der Regel Blockchain-Infrastrukturen verwendet werden. In einer DAO meldet sich jede Teilnehmerin oder jeder Teilnehmer über einen eigenen Software-Agent bei der virtuellen Organisation an, der festlegt, welches Verhalten zulässig ist (z.B. einen Antrag stellen, an einer Abstimmung teilnehmen, usw.). Dabei können alle relevanten Geschäfte in einem verteilten Ledger (analog zu einem elektronischen Protokoll) aufgezeichnet werden, der gegen nachträgliche Manipulationen geschützt ist. Dies gewährleistet Transparenz und Nichtabstreitbarkeit, welche das Vertrauen stärken und damit ein wesentlicher Bestandteil der Legitimität einer Organisation ausmachen.

Eine DAO kann die Steuerung und Entscheidungsfindung durch den Einsatz von Smart Contracts automatisieren. So kann beispielsweise in der Smart Contract Software festgelegt werden, wer abstimmen darf, bis wann die Stimmen abgegeben werden müssen oder was ein Quorum ausmacht. Sogar die Governance-Regeln selber können angepasst werden, was wiederum zu einer Softwareaktualisierung des Smart Contracts führt. Beispielsweise in der Schweizer Privatwirtschaft sind Unternehmen bereits dezentral organisiert: Einige Unternehmen, die über einen gemeinsamen Investitionsfonds verfügen, treffen so miteinander Entscheidungen über Investitionsprojekte.

Nicht anwesend, aber immer noch engagiert

Der Wegfall der Notwendigkeit, sich persönlich treffen zu müssen, ist sehr nützlich in stark globalisierten Umgebungen, wo physische Treffen die Transaktionskosten erhöhen. Im Bildungswesen wäre die Existenz von DAOs in hybrider Form wahrscheinlicher, wo eine Mischung aus persönlicher und virtueller Präsenz eher üblich werden könnte. Dies könnte der Fall sein, wenn ein höheres Mass an Engagement erwünscht ist und die Hindernisse für die Partizipation abzubauen sind: Zum Beispiel, wenn die Eltern und Erziehungsberechtigten an Diskussionen beteiligt sein sollen, aber wegen der Kinderbetreuung daran gehindert sind. In solchen Fällen würde eine DAO das Engagement fördern, den Verwaltungsaufwand verringern, die Entscheidungsverfahren standardisieren und verschlanken sowie die Transparenz und das Vertrauen in die Institutionen stärken.

DAOs bieten eine interessante Möglichkeit, Organisationsformen in der Bildung durch eine andere Perspektive zu betrachten und so das Verständnis bestehender Institutionen in einer virtuellen Welt zu erhalten und zu erweitern.

Alan Moran
Alan Moran
Mitglied der Geschäftsleitung
Educa

ähnliche Beiträge

15.6.2022

Ab dem 1. Juli 2022 beantwortet unser Service Desk Fragen zu Datennutzung und Datenschutz im Schweizer Bildungssystem von Schulleitung und Bildungsverwaltung. Ausserdem können im Rahmen des Programms zur Entwicklung einer Datennutzungspolitik Projekte eingereicht werden.

24.8.2022

Bei der Konzeption einer Datenföderation für die Berufsbildung muss der Datenschutz von Beginn an mitgedacht werden. Die Datenspeicherung wie auch die Einhaltung der Datenschutzgesetze sind dabei zentrale Themen, mit denen wir uns vertieft auseinandersetzen.

25.8.2022

Im Interview erläutert die Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich Dr. Dominika Blonski die Bedeutung des Datenschutzes in der Bildung und was es aus ihrer Sicht bei der künftigen Datennutzungspolitik zu beachten gilt.

17.3.2022

Im Berufsbildungssystem werden an sehr unterschiedlichen Orten Daten von und über Lernende erstellt. Um einen sicheren, einfachen und qualitativ gleichwertigen Datenaustausch zwischen Lehrbetrieben, Schulen, Kantonsverwaltungen etc. zu gewährleisten, wurden wir beauftragt, eine Datenföderation in der Berufsbildung zu entwerfen.