Das Thema Identität sorgt in letzter Zeit für Wirbel in den Medien in der Schweiz: Welchen Beitrag leistet die Identität zur informationellen Selbstbestimmung*? Welche Rolle sollte der Staat bei der Ausstellung einer E-ID spielen? Kann durch Desintermediationsmechanismen* wie durch den Einsatz von Self-Sovereign Identity (SSI)* Vertrauen wirklich geschaffen werden? Spiegeln Föderationsansätze (z.B. Edulog) den politischen Föderalismus der Schweiz am besten wider? Wie vermutlich bereits klar ist, haben diese Fragen nicht nur technische, sondern auch politische und soziale Tragweite. Dies wirft die Frage auf, was jetzt das Beste für die Bildung in der Schweiz ist und was die nächsten Schritte sein könnten.

Die Bildung hat je nach Ebene unterschiedliche Bedürfnisse

Es wird jedoch schnell deutlich klar, dass die Bildung je nach Ebene unterschiedliche Bedürfnisse hat. Im Schulwesen liegt der Schwerpunkt beispielsweise auf der Pflege der digitalen Bürgerschaft und in der Sensibilisierung des digitalen Selbst* sowie auf der Notwendigkeit, die mit der Identität verbundenen Risiken zu beachten (z.B. schlechte Passwortverwaltung oder gemeinsame Nutzung von Identitäten mit anderen). In diesem Zusammenhang spielen Themen wie eingeschränkte Rechtsfähigkeit und Sozialisierung eine grosse Rolle. Somit ist das Vertrauen im Schulwesen eher bildungspolitisch institutionell und kantonal föderalistisch verankert, woraus folgt, dass Identitäten in der Regel von Behörden ausgestellt werden (z.B. Kanton, Gemeinde oder sogar einzelne Bildungseinrichtungen). Anders ist es in der Sekundarstufe II (vor allem Berufsbildung) und im tertiären Sektor (z.B. Hochschulen, Universitäten), wo Mobilität und Selbstverantwortung eher eine grössere Rolle spielen. Dies könnte sich durchaus bis hin zur Bestimmung der eigenen Identität erstrecken. Hier wäre es denkbar, dass dezentralisierte benutzerzentrierte Ansätze (SSI*) zum Zuge kommen und auf hohe soziale Akzeptanz stossen könnten. Insbesondere wenn diese komplett von den Institutionen und Infrastrukturen der Bildung losgelöst sind und bereits anderswo eine breite Anwendung finden.

Aber was könnte hier und jetzt getan werden? Bei jedem Ansatz im Schulwesen müssten zunächst die bestehenden Vertrauensinfrastrukturen sorgfältig geprüft und ihre weitere Relevanz insbesondere im Hinblick auf soziale, kulturelle und politische Erwägungen bewertet werden. Bei der Behebung festgestellter Mängel muss berücksichtigt werden, wie diese verbessert werden können, ohne die bereits bestehende Funktion zu beeinträchtigen. Eine mögliche Weiterentwicklung könnte zum Beispiel digitale Dienste bereitstellen, die die Identität von Minderjährigen anonymisieren, ohne den pädagogischen Nutzen einzuschränken. Dies könnte ihre Daten vor der Analyse und den Rückschlüssen zukünftiger Algorithmen schützen, deren Verwendung ihre Grundrechte und Freiheiten beeinträchtigen könnte (z.B. Profiling oder automatisierte Entscheidungsfindung). Eine weitere Möglichkeit besteht darin eine zusätzliche Sicherheitsebene zu schaffen, die Identitäten von den Daten entkoppelt (sog. Multi-Faktor-Authentifizierung). Dies würde sicherstellen, dass gestohlene Passwortdatenbanken unbrauchbar bleiben, da Diebe keinen Zugriff auf die sekundären Elemente der Authentisierung haben. Diese sind normalerweise physisch mit dem Benutzenden verbunden und daher weder beim Identitätsanbieter noch beim Dienstleistungsanbieter gespeichert.

«  Es setzt bildungspolitischen Mut und Willen voraus, um die Grundlagen für digitale Infrastrukturen zu schaffen und auf sie solidarisch aufzubauen.  »

Die Umsetzung solcher Massnahmen bleibt jedoch eine Herausforderung für das Bildungswesen, da die Identitätsanbieter nur selten Lösungen implementieren, die für Kinder geeignet sind. Auf der anderen Seite wünschen Dienstleistungsanbieter eine einheitliche Schnittstelle zu allen Identitätsanbietern, um kohärente und konsistente Sicherheitsstrategien umzusetzen. In diesem Zusammenhang kommt einer Identitätsföderation wie Edulog, die als Vermittlerin zwischen allen Parteien fungiert, eine wichtige Rolle zu. Sie kann sich erfolgreich in dieser komplexen Landschaft weiterentwickeln, indem sie Zusatzdienste intelligent und situativ anbietet, dort wo sie angebracht sind. Der Erfolg eines solchen Vorhabens setzt aber den bildungspolitischen Mut und Willen voraus, die Grundlagen für solche digitalen Infrastrukturen zu schaffen und auf sie solidarisch aufzubauen.

*Glossar

Digitales Selbst: Das digitale Selbst ist die Repräsentation einer physischen Person im digitalen Raum.

Desintermediation: Mechanismus zur Abschaffung oder Verringerung von Zwischenstufen oder -händlern (z.B. SSI). Internet ermöglicht es auf Inhalte zu gelangen, die nicht «offiziell» (z.B. vom Lehrmittelverlag) genehmigt sind.

Informationelle Selbstbestimmung: Das Prinzip, dass der oder die Einzelne grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung der persönlichen Daten bestimmt.

Self-Sovereign Identity (SSI): Die selbstbestimmte Identität bedeutet, dass der oder die Einzelne die eigene digitale Identität schafft und kontrolliert, nicht Dritte (Behörden, Firmen usw.).

 

Autor

Alan Moran
Alan Moran
Mitglied der Geschäftsleitung
Educa

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