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Gleichstellung aus der Sicht von Martine Chaponnier
 
Politologin, mit einem Doktorat in Pädagogik, arbeitet Martine Chaponnier als unabhängige Beraterin für Gleichstellungsfragen, worin sie auch an der Universität von Genf Kurse abhält. Sie ist Autorin unzähliger Studien zum Thema Gleichstellung.
 
Nadia Revaz, Redaktorin bei Résonances, hat Martine Chaponnière interviewt, um Klarheit über eine Reihe brenzliger Fragen im Bereich der gleichstellung zu gewinnen. Das Interview erschien im April 2002 in der Monatszeitschrift "Résonances".
 
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Martine Chaponnier, sind wir auf dem Weg zu einer vorurteilsfreien Erziehung in Gleichstellungsfragen?
Ja, aber es gibt noch sehr viel zu tun. Ich glaube, dass sich die Lehrpersonen noch sehr wenig des Einflusses von Stereotypen bewusst sind. Aber tatsächlich ist es so, dass sie erst dann mit Stereotypen arbeiten können, oder auch nicht, je nach Einstellung, wenn sich diese geändert haben.
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Wo stösst man hauptsächlich auf Stereotypen? In Schulbüchern?
In den Schulbüchern findet man sie immer weniger, da in diesem Bereich in den letzten Jahren sehr viel getan wurde. Man findet sie heute eher im allgemeinen Verhalten und in der Sprache, auch wenn die meisten Lehrerinnen und Lehrer der Meinung sind, sie würden eine völlig gleichberechtigte Haltung einnehmen. Sie sind völlig davon überzeugt, männliche und weibliche Schüler gleich zu behandeln. Studien allerdings zeigen, dass das absolut nicht der Fall ist.
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Drückt sich Gleichstellung in der Sprache aus?
Zu einem grossen Teil. So lange, wie man die maskuline Form für einen Berufstypus benutzt, können sich Mädchen nicht mit diesem sogenannten männlichen Berufsbild identifizieren. Die weibliche From der Sprache ist kein Luxus, einfach, weil sich unsere Gedanken in Sprache ausdrücken. Die französische Sprache ist sexistisch und das muss sich ändern.
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Ist es daher nötig, alle Texte auf ihre weibliche Form hin zu ändern, auch wenn sie dadurch ungelenk werden?
Ich bin mir der Gefahr durchaus bewusst, dass die Leserlichkeit darunter leidet. Es ist sicherlich nicht einfach, einen lockeren und zugleich korrekten Text nach den Regeln der Gleichstellung zu schreiben. Trotzdem kann man sich bemühen, ohne überall Schrägstriche zu setzen (Lehrer/innen). Ich persönlich setze sie praktisch nie, da dich das schrecklich finde. Trotzdem bemühe ich mich, so zu schreiben, dass sich Frauen in dem erkennen, was ich rede und schreibe.
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Im Namen der Gleichstellung sind schon einige Erfahrung von Nicht-Koedukation durchgeführt worden, besonders in England. Was halten Sie davon?
Mir erscheint es unmöglich, hier in der Schweiz zu einem Status von Nicht-Koedukation zurückzukehren, sicherlich nicht in den öffentlichen Schulen. Weder der Lehrkörper noch die Schülerinnen und Schüler würden sich einen solchen Rückschritt wünschen. Ich glaube eher, dass man die Koedukation überdenken sollte. Im Grunde hat sie sich ziemlich natürlich durchgesetzt in den 60er Jahren, ohne weitere Gedanken zu ihren Auswirkungen. In Bern wurden diese Erfahrungen hauptsächlich im Physikunterricht gemacht, um die Interessen der Mädchen wahrzunehmen. Meiner Meinung nach sollte man besonders in diese Richtung der Entwicklung gehen, aber das beinhaltet reflektierte Arbeit seitens des Lehrkörpers auf dem Gebiet der Koedukation.
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Wirft die Tatsache, dass es im Primarsektor hauptsächlich Lehrerinnen gibt - gleichzeitig mit der zunehmenden Zahl von Alleinerziehenden - keine Probleme auf mit fehlenden männlichen Vorbildern in der Erziehung von Kindern?
Kinder wachsen heute tatsächlich in einer beinahe ausschliesslich weiblichen Umgebung auf, sowohl in der Schule wie zu Hause und diese Situation ist besonders für Buben heikel. Das Ideal wäre eine ungefähr gleichmässige Verteilung von Männern und Frauen, sowohl in der Kinderkrippe, wie in der Vorschule und der Primarschule, aber von diesem Ideal sind wir weit entfernt.
 
DownloadFranz. Originaltext "L'égalité vue par Martine Chaponnière"
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