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Mit Web 2.0 die Lernenden aktivieren
 
"Die berufsbildenden Schulen müssen davon ausgehen, dass die meisten Schülerinnen und Schüler auf Facebook bereits ein Profil erstellt oder auf YouTube ihre kleinen Videos hochgeladen haben."
Georges Murbach, Buchautor
 
Mit seinem Buch "Mit Web 2.0 das Internet aktiv gestalten" hat Georges Murbach ein Arbeitsbuch für das Erstellen von Lernumgebungen mit WebQuests, Weblogs, Wikis, Homepages und webbasierten Übungen geschrieben. Georges Murbach ist Dozent am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung und unterrichtet Fachdidaktik der Informatik und der neuen Medien.
 
Weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?
Das ist nun schon mehr als 40 Jahre her. Als drittes Kind einer typischen Arbeiterfamilie hatte ich gar nicht die Wahl die Mittelschule zu besuchen oder eine Berufslehre zu absolvieren. Und um ehrlich zu sein war auch die Berufswahl eher zufällig. Ich erlernte einen mechanischen Beruf, weil auch mein Vater in einer mechanischen Werkstatt arbeitete. Danach studierte ich an der elektrotechnischen Abteilung einer Ingenieurschule und vertiefte mein Fachwissen mit Nachdiplomstudien im Bereich der technischen Informatik.
Später habe ich es nie bereut, den vielleicht etwas beschwerlicheren Weg gewählt zu haben, weil mir mit diesen Erfahrungen bedeutend mehr berufliche Möglichkeiten offen standen. Für meine Lehrtätigkeit am EHB würde ich diesen Ausbildungsweg als geradezu ideal bezeichnen.

Ihr Buch heisst "Mit Web 2.0 das Internet aktiv gestalten". Was verstehen Sie unter Web 2.0?
Bis vor kurzem war das Internet lediglich eine Informationsplattform, auf der mit Hilfe leistungsfähiger Suchmaschinen aktuelle Daten und Informationen recherchiert und herunterladen wurden. Die Trennung zwischen Informationsanbietern und -nutzern war offensichtlich. Natürlich funktioniert das Internet auch heute und in Zukunft mehrheitlich nach diesem Prinzip der Einwegkommunikation.
In der Zwischenzeit sind aber neue Dienste entstanden, die ganz andere Formen des Informationsaustauschs und der kooperativen Zusammenarbeit ermöglichen. Auf Weblogs können sich interessierte Leser mit eigenen Kommentaren zu den diskutierten Themen äussern und auf Wikis werden Besucher geradezu eingeladen, gemeinsam an der Beschreibung von Begriffen oder der Bearbeitung ganzer Themen mitzuarbeiten. Noch augenfälliger ist der Wandel, wenn wir uns Social-Network-Plattformen wie Facebook oder YouTube anschauen, wo das aktive Mitgestalten kaum noch Grenzen kennt.
Diese meist kostenlosen Dienste, bei denen der passive Nutzer zum aktiven Gestalter wird, bezeichnet man mit Web 2.0.
 
Sie wollen das Internet aktiv mitgestalten durch das Erstellen von Lernumgebungen. Welche Aktivitäten schlagen Sie vor?
Die berufsbildenden Schulen müssen davon ausgehen, dass die meisten Schülerinnen und Schüler auf Facebook bereits ein Profil erstellt oder auf YouTube ihre kleinen Videos hochgeladen haben. Viele beteiligen sich regelmässig in Blogs und ein paar wenige haben wohl schon Erfahrungen in Wikis gesammelt.
Wie bei allen technischen Errungenschaften sind auch diese Internetdienste weder gut noch schlecht. Man kann sie sinnvoll nutzen und halt leider auch heimtückisch missbrauchen. Gerade deswegen hat auch die Schule die grosse Verantwortung diese Web 2.0-Dienste im Rahmen einer allgemeinen Medienpädagogik kritisch zu hinterfragen und mit geeigneten Anwendungen sinnvoll zu nutzen. Die grosse Herausforderung für Lehrpersonen ist nicht das Bedienen der Programme oder das Einrichten der Plattformen. Gefragt sind originelle Ideen und motivierende Konzepte, die den Unterricht dort positiv unterstützen, wo unterschiedliche Formen der kooperativen Zusammenarbeit erprobt werden sollen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Medienkompetenzen an Bedeutung gewinnen werden und die berufsbildenden Schulen hier einen wesentlichen Beitrag zu leisten haben.
In meinem Buch zeige ich konkrete Beispiele, wie die Lernenden mit Hilfe von Weblogs auf eine bevorstehende Lehrveranstaltung vorbereitet werden, bei der die Planung und Organisation vorgestellt und die Form der Durchführung diskutiert werden kann. Ein Wiki wird mit Vorteil dort eingesetzt, wo eine Klasse in einem Unterrichtsprojekt ein Thema bearbeiten und die Ergebnisse im Internet publizieren soll. Schliesslich gibt es noch die sogenannten WebQuests, die als moderne Form der Fallstudie das Bearbeiten authentischer und aktueller Fragen aus dem Alltag oder der Berufswelt ermöglichen.
 
Welcher didaktischer Hintergrund liegt Ihren Überlegungen zu Grunde?
Es geht um das Erarbeiten von nachhaltigem Wissen, das Ernst von Glasersfeld so beschrieben hat: "Das erkennende Wesen verfügt nur dann über Wissen, wenn es dieses über eigene Operationen im kognitiven Apparat selbst hergestellt hat. Wissen als Resultat eines Erkenntnisprozesses ist demnach nicht ein Abbilden im Sinne eines Entdeckens der äusseren Wirklichkeit, sondern eher ein Erfinden von Wirklichkeit".
Lernprozesse, die zu einer intelligenten Wissensbasis führen, müssen konstruierend und handelnd-deutend sowie an Emotionen (Gefühlen) und Kommunikationen gekoppelt sein. Individuelle Wissensbasen entstehen also selbstreguliert, selbstorganisiert und selbstverantwortet durch Interpretieren und Bewerten. Konstruktivistisches Lernen kommt dieser Forderung sehr nahe, ist aber im Unterricht nur schwer zu realisieren. Beim Einsatz von Web 2.0-Komponenten habe ich das Gefühl, dass das wenigstens ansatzweise, auf jeden Fall aber auf motivierende Art möglich ist.
 
Bitte geben Sie ein Beispiel für eine Unterrichtssequenz mit Web 2.0.
Nehmen wir an, Sie haben im Unterricht über die CO2-Problematik gesprochen und dabei den Hinweis auf die Biotreibstoffe gemacht. Die Klasse ist interessiert und diskutiert bereits kontrovers darüber, ob der Einsatz von Biotreibstoffen tatsächlich umweltfreundlicher ist als bei fossilen Treibstoffen. Sie finden, dass dies eine günstige Ausgangslage für ein WebQuest ist und bereiten dieses umgehend vor.
Das WebQuest besteht aus einer kurzen Einführung in das Thema und offenen Fragestellungen, die mit Hilfe von Fakten zu beantworten sind, die in einer Linkliste vorbereitet wurden. Sie geben Hinweise zum Vorgehen (Prozess) und präzisieren, in welcher Form die Ergebnisse präsentiert werden sollen. Für die Bewertung der Gruppenarbeiten stellen Sie ein Evaluationsschema zur Verfügung.
Problematisch bei einem WebQuest ist die Forderung, die Ergebnisse wiederum im Internet zu publizieren. Dazu verwenden Sie ein Wiki, das Sie auf dem Schulserver oder einem kostenlosen Anbieter im Internet eingerichtet haben. Vielleicht bereiten Sie auf dem Fachportal eine Struktur vor und weisen auf alle Themen hin, die von den Schülerinnen und Schülern bearbeitet werden. Diese sind dann frei, die von ihnen dokumentierten und gestalteten Grundlagen und Meinungen als eigenständige Wiki-Seiten zu präsentieren. Dabei ist im Sinne der Wiki-Philosophie sichergestellt, dass sich die Gruppen gegenseitig unterstützen und das Wiki als Gemeinschaftswerk der ganzen Klasse verstehen.
Vielleicht werden Sie jetzt zu Recht einwenden, dass es dazu keine Web 2.0-Dienste braucht. Aber Sie werden davon profitieren, dass der Umgang mit Web 2.0-Komponenten motivierend ist und dass Sie einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Mediendidaktik geleistet haben.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?
Ich bin fest davon überzeugt, dass das duale Berufsbildungssystem auch in Zukunft wesentlich dazu beitragen wird, dass wir in einem globalisierten Markt mit hoch qualifizierten Fachleuten der zunehmenden Konkurrenz aus den Billiglohnländer erfolgreich begegnen können. Das setzt aber voraus, dass die Politik für die erforderlichen Rahmenbedingungen sorgt, und die gesellschaftliche Anerkennung der beruflichen Bildung weiter verbessert wird.
Als eigentliche Herausforderung sehe ich dabei die hohe Flexibilität, mit der das Bildungswesen auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen reagieren muss. Wir werden uns in der Ausbildung nicht länger nur auf Fachwissen konzentrieren, das sich leicht prüfen und bewerten lässt, sondern auf Kompetenzen, die das selbstorientierte und selbstverantwortete Lernen nachhaltig unterstützen. Und dazu können Lernsituationen mit Web 2.0-Komponenten einen wesentlichen Beitrag leisten.
1. April 2009

Kontakt
E-Mail Georges Murbach: Georges.Murbach@ehb-schweiz.ch
Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch
E-Mail: g.zahno@red.educa.ch
 
Weiterführende Informationen
 
Georges Murbachs Buch:
Mit Web 2.0 das Internet aktiv mitgestalten
Ein Arbeitsbuch für das Erstellen von Lernumgebungen mit WebQuests, Weblogs, Wikis, Homepages und webbasierten Übungen
Bern 2008: hep-Verlag
ISBN 978-3-03905-360-5, CHF 34.00
Externer Linkwww.hep-verlag.ch
Link zum Buch von Georges Murbach beim hep-Verlag
Externer Linkwww.ehb-schweiz.ch
Eidgenössisches Hochschulinsitut für Berufsbildung
 
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