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Zukunft Handelsmittelschulen
 
"Handelsmittelschulen bieten die berufliche Grundbildung aus einer Hand an und sind entsprechend flexibel, wenn es darum geht, Reformen umzusetzen. Andererseits haben sie weniger Bezug zur beruflichen Praxis als duale Berufsfachschulen, vor allem wenn sie einer gymnasialen Maturitätsschule angegliedert sind."
Judith Renner-Bach, Projektleiterin Zukunft HMS
 
Das neue Beufsbildungsgesetz (BBG) enthält keine Grundlage mehr für ein eidgenössisch anerkanntes Handelsmittelschuldiplom. Falls die Handelsmittelschulen (HMS) weiterhin einen eidgenössisch anerkannten Abschluss abgeben wollen, sind ihre Bildungsgänge auf die Anforderungen der kaufmännischen Grundbildung abzustimmen. Deshalb sollen mit dem Projekt "Zukunft HMS" Rahmenbedingungen gemäss BBG erarbeitet werden. Judith Renner-Bach ist Betriebswirtschafterin, ehemalige Vorsteherin des Amtes für Berufsbildung im Kanton Bern, heute Managementberaterin und Studentin der Rechtswissenschaften und leitet das Projekt Zukunft HMS.
 
Weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?
Ich bin immer sehr gerne zur Schule gegangen und konnte den Start nach den Ferien jeweils kaum erwarten. Der Vorschlag, in die Kantonsschule zu wechseln, kam dann von meinen Lehrern. Die Berufslehre war nie ein Thema. Dafür habe ich dann nach der Maturität vorerst in die höhere Berufsbildung gewechselt (eidgenössisches Diplom als Direktionsassistentin, höhere Fachschule für Wirtschaft).

Handelsmittelschulen werden gemeinhin nicht zur Berufsbildung gezählt, da diese als Vollzeitschulen gelten und häufig auch an einem Gymnasium angegliedert sind. Erklären Sie bitte die Idee der Handelsmittelschulen.
Handelsmittelschulen werden sehr wohl zur Berufsbildung gezählt. Die Tatsache, dass es sich um Vollzeitschulen handelt, wirkt sich nicht auf ihre berufsbildende Qualität aus. Es gibt auch in anderen Bereichen berufsbildende Vollzeitschulen (gewerblich-industrielle Lehrwerkstätten, Informatikmittelschulen).
Die HMS vermitteln ihren Schülerinnen und Schülern traditionell eine vertiefte Allgemeinbildung (Muttersprache, Fremdsprachen, Geistes- und Naturwissenschaften) und zusätzlich eine berufsspezifische Bildung (Finanz- und Rechnungswesen, Volks- und Betriebswirtschaft, Recht, Informatik - Kommunikation - Administration). Die jährlich rund 2500 Absolventinnen und Absolventen stehen nach einem erfolgreichen Abschluss dem Arbeitsmarkt zur Verfügung oder haben die Möglichkeit, eine kaufmännische Berufsmaturität zu erwerben und ihre Ausbildung, z.B. in einer Fachhochschule, fortzusetzen. Die HMS schliessen an die obligatorische Schulzeit an und haben einen festen Platz im Bildungsangebot der meisten Kantone, wobei die Bedeutung in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz (inkl. zweisprachigen Kantonen) höher ist (ca. 2/3 der Abschlüsse) als in den rein deutschsprachigen Kantonen. Dies hängt nicht zuletzt mit dem Einfluss ausländischer Bildungssysteme auf die Schweiz zusammen.
Die HMS waren im früheren Berufsbildungsgesetz ausdrücklich verankert und gaben bisher ein zum eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) gleichwertiges Diplom ab. Mit dem Inkrafttreten des neuen Berufsbildungsgesetzes sind diese Äquivalenz und die Grundlage für eine Subventionierung der bisherigen Handelsdiplomausbildung durch den Bund weggefallen. Die HMS sind jedoch als mögliche Lernorte der Bildung in beruflicher Praxis weiterhin im neuen Gesetz erwähnt und könnten auf ein EFZ vorbereiten. Deshalb wurde das Projekt "Zukunft HMS" lanciert, das die Rahmenbedingungen für die neuen HMS-Bildungsgänge gemäss Berufsbildungsgesetz erarbeiten soll.
 
Welche Chancen und welche Risiken sehen Sie in einer Ausbildung an einer Handelsmittelschule?
HMS können sich als Vollzeitschulen besser auf die individuelle Förderung von Lernenden konzentrieren als duale Berufsfachschulen. Sie bieten die berufliche Grundbildung aus einer Hand an und sind entsprechend flexibel, wenn es darum geht, Reformen umzusetzen. Andererseits haben sie weniger Bezug zur beruflichen Praxis als duale Berufsfachschulen, vor allem wenn sie einer gymnasialen Maturitätsschule angegliedert sind. Hier besteht der grösste Nachholbedarf im Interesse der Absolventinnen und Absolventen sowie der Arbeitswelt. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Berufsleute mit HMS-Diplom gefragte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind. Diesen Vorteil gilt es in die reformierte berufliche Grundbildung an HMS mitzunehmen, auch wenn die zusätzlich erforderliche betriebliche Praxis mit entsprechenden externen Praktikumsplätzen eine Herausforderung für Kantone, Schulen und Arbeitswelt sein wird. Gerade in den französisch- und italienischsprachigen Kantonen werden hier spezielle Anstrengungen gefragt sein.
Ein wichtiges Element der Attraktivität der HMS für Jugendliche und die Arbeitswelt ist die kaufmännische Berufsmaturität, die von Beginn weg auch an HMS erworben werden konnte. Diese Zusatzausbildung ist bereits mit Praktika verbunden, die dank der guten Erfahrungen bestimmt weiterhin zur Verfügung stehen werden.
 
Das Projekt hat auch zum Ziel einen Standardlehrplan zu verabschieden. Welche Absicht verfolgen Sie damit?
Die Rahmenbedingungen der neuen HMS-Bildungsgänge werden sich auf zwei Standardlehrpläne (SLP Bildung in beruflicher Praxis und schulische Bildung) und spezifische Richtlinien für die Organisation der beruflichen Grundbildung und des Qualifikationsverfahrens an HMS stützen. Zusätzlich ist eine Lern- und Leistungsdokumentation für die HMS geplant.
Der SLP Bildung in beruflicher Praxis konkretisiert die bestehenden kaufmännischen Leistungsziele, die einen Betrieb oder Betriebsnähe erfordern, und definiert die Art und Weise, wie die Bildung in beruflicher Praxis umgesetzt werden soll. Er enthält die Struktur der gesamten kaufmännischen Grundbildung an einer HMS (Lektionentafel) für die beiden geplanten Modelle "integrierte Bildung" (Modell i) und "teilweise Konzentration der Bildung im letzten Ausbildungsjahr" (Modell 3+1) sowie Angaben zur Zusammenarbeit mit der Arbeitswelt. Der SLP Bildung in beruflicher Praxis liegt im Entwurf vor und wird in diesen Wochen breit diskutiert. Der SLP schulische Bildung ist noch in Arbeit.
Die neuen Richtlinien werden die Vermittlung der kaufmännischen Grundbildung an HMS gestützt auf das geltende Reglement über die Ausbildung und die Lehrabschlussprüfung Kauffrau/Kaufmann (erweiterte Grundbildung) steuern und insbesondere regeln, wie das Qualifikationsverfahren sicherzustellen ist, so dass gleiche Qualifikationen zum gleichen Titel führen. Dabei sollen Besonderheiten der Vollzeitausbildung im Rahmen der geltenden Bestimmungen soweit wie möglich berücksichtigt werden. Auch hier sind Vorstellungen insbesondere zur betrieblichen Prüfung bereits vorhanden. Neben der Beurteilung von Arbeits- und Lernsituationen und von prozessorientierten Lerneinheiten stehen ein Qualifikationsgespräch und eine zentral vorgegebene schriftliche Prüfung zur Diskussion.
 
Wie lässt sich die Berufspraxis in Vollzeitschulen integrieren?
Das Projekt "Zukunft HMS" ist mit der Durchführung und der Evaluation von Möglichkeiten der Bildung in beruflicher Praxis an HMS gestartet. In 16 Pilotschulen wurde während längerer Zeit geprüft, wie der praktische Teil der kaufmännischen Grundbildung auch an HMS angeboten werden kann. Dabei sind wichtige Grundlagen für die Vermittlung der betrieblichen Bildung in einer Schule erarbeitet worden. Gemäss SLP-Entwurf soll die Bildung in beruflicher Praxis in integrierten Praxisteilen, in Betriebspraktika und unterstützt durch einen problemorientierten Unterricht stattfinden.
Grundsätzlich gelten für Lehrpersonen an HMS die Qualifikationsvoraussetzungen gemäss Berufsbildungsgesetz. Sie müssen u.a. über Berufserfahrung in der Praxis verfügen und haben das Recht und die Pflicht, diese Kompetenzen auf aktuellem Stand zu halten. Insbesondere wird von den Lehrpersonen das Verständnis für die Systematik der Berufsbildung sowie Kenntnisse der betrieblichen Aufgaben und Kompetenzen verlangt. Die zur Erteilung des berufspraktischen Unterrichts notwendigen spezifischen inhaltlichen und methodisch-didaktischen Kompetenzen und ein angepasstes Rollenverständnis der Lehrenden sollen durch geeignete Weiterbildungsmassnahmen durch das Eidgenössische Hochschulinstitut für Berufsbildung EHB vermittelt werden. Die HMS werden zudem dafür verantwortlich sein, dass die Zusammenarbeit der Lehrpersonen mit den Organisationen der Arbeitswelt funktioniert.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?
Die grössten Herausforderungen für das schweizerische Berufsbildungssystem liegen m.E. in einer funktionierenden Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen und Arbeitswelt. Solange genügend Lehrstellen vorhanden sind, die Schulen rasch und flexibel auf die Anforderungen der Arbeitswelt reagieren und den Jugendlichen über eine berufliche Grundbildung alle Wege für ihre persönliche und berufliche Zukunft offen stehen, wird die Berufsbildung weiterhin erfolgreich sein.
2. Februar 2009

Kontakt
E-Mail Judith Renner-Bach: renner-bach@bluewin.ch
Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch
E-Mail: g.zahno@red.educa.ch
 
Weiterführende Informationen
 
Externer Linkwww.zukunfthms.ch
Projektseite Zukunft HMS
Externer Linkwww.avenirsc.ch
Französischsprachige Projektseite
Externer Linkwww.kshr.ch
Konferenz Schweizerischer Handelsschulrektoren
 
Download
 
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Das Interview als pdf-Dokument
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