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Ethikunterricht  in der Berufsschule
 
"Die Berufsschulklasse ist das geschützte Lernfeld, um lebendige Lernsituationen für den Umgang mit Menschen aus ver­schie­denen Kulturen und Religionen zu schaffen."
Urs Urech, Autor der Unterrichtsbausteine zum Thema Ethik.
 
"Und jetzt?" sind Bausteine zu Religion und Ethik in der Berufsbildung. Urs Urech, Lehrer und Soziokultureller Animator ist Autor des von den Aargauischen Landeskirchen geförderten Lehrmittels. Es basiert auf dem Aargauer Schullehrplan Allgemeinbildung.
 
Weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?
Ich habe als Jugendlicher begeistert in verschiedenen Landschaftsgärtnereien geschnuppert und der Ferienjob als Waldarbeiter auf dem Stadtforstamt Baden gefiel mir sehr gut, aber der Wunsch nach einer pädagogischen oder sozialen Tätigkeit und das Angebot des pädagogisch-sozialen Gymnasiums in Wettingen gaben dann den Ausschlag, keine Berufslehre zu absolvieren.
 
Ethik in der Berufsbildung - weshalb braucht es ethische Bildung für Berufslernende?
Die Erziehung zur Eigenverantwortlichkeit und zum ethischen Handeln hat im Rahmenlehrplan für Berufsschulen eine zentrale Bedeutung erhalten. Das Unterrichtsthema "Gesellschaft" und die gezielte Förderung der Selbst- und Sozialkompetenzen der Berufsschüler/innen definieren das Lernfeld für die ethische Bildung. Die Berufsschulklasse ist der geschützte Ort, wo die verschiedenen Identitäten und die (mehr oder weniger integrierten) Jugendlichen aufeinander treffen. Die Multikulturalität und Multireligiösität an den Berufsschulen, sowie an den Arbeits- und Aus­bil­dungsplätzen der Berufsschüler/innen,  beinhalten aber auch ein Konfliktpotenzial. Die Berufsschulklasse ist das geschützte Lernfeld, um lebendige Lernsituationen für den Umgang mit Menschen aus ver­schie­denen Kulturen und Religionen zu schaffen. Sie ist ein vertrauenswürdiges Umfeld für die konstruktive Bewältigung von Rassismus und Religionskonflikten.
 
Die beiden Landeskirchen des Kantons Aargau haben auf der Grundlage des Aargauer Lehrplans für Allgemeinbildung Unterrichtsmaterialien entwickelt. Weshalb dieses Engagement?
Die Aargauer Landeskirchen engagieren sich bereits in der Volksschule und auf der Ebene der Kantons- und Fachhochschulen. Die Kirchen wollen sich an der Definition von Lehrinhalten im Bereich der Ethik und des Zusammenlebens beteiligen und die wichtige Arbeit der Lehrpersonen im Allgemeinbildenden Unterricht unterstützen. Die Arbeit mit den Unterrichtsbausteinen "und jetzt?" soll spannungsgeladene Themen und kulturelle oder religiöse Konflikte zwischen Berufsschüler/innen aufnehmen, bearbeiten und beruhigen. Diese Konfliktarbeit ist wesentlich für das Lernen in der multikulturellen, schweizerischen Gesellschaft. Die Landeskirchen leisten damit auch einen Beitrag zur Friedensförderung.
Die Unterrichtsideen des neuen Lehrmittels sind modulartig auf den Bildungszielen der Unterrichtsthemen aus dem RLP aufgebaut. Die persönliche Reflexion und der Diskurs in der Berufsschulklasse zum Thema "Gesellschaft" aus dem Lehrplan stehen dabei im Vordergrund. Die Unterrichtsbausteine "und jetzt?" sollen mit Hilfe des Leitfadens je nach Bedarf und je nach Zielgruppe von der ABU-Lehrperson in die eigene Unterrichtsplanung integriert werden. Das  Unterrichtsmaterial beinhaltet Arbeitsblätter und Handouts zu den Lektionsideen, die Rollenbeschreibungen für die beiden Planspiele "Einbürgerung" und "Baugesuch Moschee" und ein Brettspiel zu ethischen Entscheidungen im Alltag.
Nach der erfolgreichen Entwicklung und Promotion des Lehrmittels zu Religion und Ethik werden sich die Aargauer Kirchen aus dem Projekt zurückziehen. Die Weiterentwicklung und die ausserkantonale Verbreitung des Lehrmittels werde ich ab 2009 in eigener Regie unternehmen.
 
Bitte erklären Sie an einem Beispiel, wie Sie den Aspekt Ethik in konkrete Unterrichtsvorschläge umsetzen?
Ich habe analog zur blauen Parkdrehscheibe einen weissen Ethikmeter entwickelt. Dieser lässt sich ebenfalls drehen und wirft dabei die zentralen ethischen Fragestellungen zu den drei Bereichen: gelingendes Leben, gerechtes Zusammenleben und verantwortliches Handeln auf. Das entsprechende Arbeitsblatt beinhaltet eine Liste mit aktuellen, gesellschaftlichen Kontroversen von der "Babyklappe" bis zur "Formel 1". Im Unterricht können nun die Schüler/innen schrittweise lernen, wie sie ihre Haltung begründen und wie sie ausgewogen argumentieren können zu brisanten Alltagsthemen, die uns alle was angehen.
Im Unterrichtsthema "In einer globalisierten Welt leben" nehme ich das Konzept vom Projekt Weltethos von Prof. Hans Küng auf. Anhand der Plakate dieser Ausstellung, bearbeiten die Schüler/innen Verständnis- und Wissensfragen zu den Weltreligionen und machen sich in religiös gemischten Dreiergruppen Gedanken über das friedliche Zusammenleben der Religionen. Dabei werden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten thematisiert und die Benimmregeln aus dem Knigge der Weltreligionen besprochen. Dieses interreligiöse Lernen soll im Dialog mit Menschen aus verschiedenen Kulturen und Religionen die unterschiedlichen Perspektiven und Traditionen des Zusammenlebens verständlich und erlebbar machen.
Die Kurzbeschreibung dieser Unterrichtsbausteine inklusive die Downloads "Ethikmeter" und "Knigge" finden Sie unter auf der Website www.undjetzt.ch.
 
Welches sind Ihre ersten Erfahrungen, die Sie mit Berufslernenden im Ethik-Unterricht gemacht haben?
Ich konnte im Frühling 2008 während drei Wochen das neue Lehrmittel in drei ABU-Klassen der Berufsschule Aarau testen (Coiffeusen, Logistiker, Elektromonteure). Die Berufsschüler/innen haben sich interessiert und engagiert an diesem Pilotunterricht beteiligt. Die erwünschten Diskussionen und Dialoge unter den Schüler/innen und mit der Lehrperson sind zustande gekommen und das Unterrichtsmaterial hat sich bewährt. Die Rückmeldungen der Klassen und der Lehrpersonen sind in die Erarbeitung der Unterrichtsbausteine eingeflossen und im Leitfaden verweise ich auf einige der Erfahrungen aus diesen drei Klassen. Die Zusammenarbeit und die inhaltlichen Impulse der drei ABU-Lehrer/innen waren sehr wertvoll für mich.
In Zukunft kann das Lehrmittel von den ABU-Lehrpersonen weiterentwickelt werden. Die konkretisierten Bildungsziele zur Sprache können von der Lehrperson je nach Zielgruppe definiert und eingesetzt werden. Die Inhalte können mit fachspezifischen Erfahrungen und Beispielen aus dem jeweiligen Berufsfeld angereichert werden und die zukünftigen gesellschaftlichen Themen (Bsp. Verstaatlichung der Banken, Vaterschaftsurlaub, Minarettverbotsinitiative) können mit den bereits bestehenden Unterrichtsbausteinen bearbeitet werden.
Ein Blog soll diesen fachlichen Austausch unter den ABU-Lehrer/innen fördern: www.undjetzt.ch/blog.html
 
Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung? Wird im Jahr 2050 noch die Mehrheit der Jugendlichen eine Berufslehre machen?
Ich habe eigentlich zu wenig Einblick in das Berufsbildungssystem, um diese Fragen zu beantworten. Ich denke für den Ethikunterricht bieten die momentane Struktur der Berufsbildung und die Beziehung der Berufslernenden zur ABU-Lehrperson sehr gute Voraussetzungen. Die Berufsschüler/innen werden dadurch in der Entwicklungsphase der Adoleszenz und in der Übergangsphase ins Erwachsenenalter von einer "ihnen gut gesinnten, ausserfamiliären  Bezugsperson" - ABU Lehrer/in :-) über mehrere Jahre in ihrem ethischen Lernen gefordert, gefördert und begleitet. Ich wünsche mir, dass dies im Jahre 2050 allen Jugendlichen zu Teil wird.
22.10.2008

Kontakt
E-Mail Urs Urech: mail@urs-ure.ch
Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch
E-Mail: g.zahno@red.educa.ch
 
Weiterführende Informationen
 
Externer Linkwww.undjetzt.ch
Externer Linkwww.urs.ure.ch
 
Download
 
Download"und jetzt" - Ethikunterricht in der Berufsschule
Das Interview als pdf-Dokument
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Hören Sie Urs Urech
 
Download...wie der Ethikmeter im Unterricht eingesetzt werden kann
1051 KB / .mp3
 
Download...die Handlungsanweisung für den Ethikmeter
1568 KB / .mp3
 
Download...welche Einsatzmöglichkeiten für den Kigge der Weltreligionen bestehen
987 KB / .mp3
 
Download...welche Bedeutung Religion als Unterrichtsthema hat
1585 KB / .mp3
 
Download...wie das Planspiel "Baugesuch Moschee" in den Unterricht integriert werden kann
2767 KB / .mp3