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Gemeinsam Lernen im Netz
 
"eLearning ist mehr als eine Ergänzung der konventionellen Unterrichtsmethoden, vielmehr revolutioniert es die konventionellen Unterrichtsmethoden und fördert deren Weiterentwicklung."
Bernd Räpple, Verantwortlicher für eLearning und eHealth an der Lindenhof Schule in Bern
 
In seinem Buch "Gemeinsam lernen im Netz" zeigt Bernd Räpple, wie Informations- und Kommunkationstechnologien (ICT) gezielt auch in berufliche Bildung integriert werden können. Konkrete Beispiele demonstrieren, wie eine erfolgreiche Integration von computerunterstütztem kollaborativem Lernen geschieht; ausführliche Checklisten machen das Buch zum eigentlichen Praxishandbuch. Berufsbildungsverantwortliche aus Schule und Betrieb finden Inspiration für die Weiterentwicklung ihrer Lehr- und Lernarrangements. Entscheidungsträgerinnen und -träger werden das Buch als Impulsquelle für die Weiterentwicklung beruflicher Bildungsgänge nutzen.
 
Weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?
"Der Geist war müde vom Drill des schulischen Lernens, die Hände verlangten nach Taten." Deshalb machte ich zuerst eine Lehre als Pflegefachmann.
 
Ihr Buch trägt den Untertitel "Computerunterstütztes kollaboratives Lernen in der Berufsbildung". Welche Bedeutung messen Sie eLearning in der Berufsbildung bei?
Die Berufsbildung benötigt zwingend eLearning. Die Informations- und Kommunikationstechnologien sind heute eine Selbstverständlichkeit unserer Lebenswelt. Eine Einbindung von eLearning in didaktische Szenarien der Lehre ist unabdingbar für qualifizierte Berufsleute; es wäre sträflich, diese nicht für Lehre und Bildung einzusetzen. Denn der Umgang mit ICT gehört heute zu den Kompetenzen des täglichen Lebens. Deren Förderung und Integration in die Berufsbildung wird dadurch unumgänglich. Die Berufsbildung muss sich dieser Herausforderung stellen.
 
Noch bis vor kurzem sprach man davon, dass eLearning den "normalen" Unterricht ablösen werde; heute gelten Formen des eLearnings als Ergänzung konventioneller Unterrichtsmethoden. Wie sehen Sie diese Akzentverschiebung?
eLearning ist mehr als eine Ergänzung der konventionellen Unterrichtsmethoden, vielmehr revolutioniert es die konventionellen Unterrichtsmethoden und fördert deren Weiterentwicklung. eLearning lässt automatisch Fragen entstehen zum möglichen Transfer des Gelernten und folglich auch zur eigenen Haltung gegenüber Lehre und Lernen. Die Differenzierung bzw. Auseinandersetzung mit folgenden Fragestellungen entwickelt dabei die ganze Kultur der beruflichen Bildung weiter:
 
ListenpunktWelchen Mehrwert bieten uns konventionelle Unterrichtsmethoden?
ListenpunktWann sind die tradierten Methoden gerechtfertigt?
ListenpunktWelche Defizite bescheren uns die tradierten Methoden?
ListenpunktWelchen didaktischen Mehrwert erhalten wir durch eLearning?
ListenpunktWie können die konventionellen Unterrichtsmethoden durch eLearning weiterentwickelt werden?
 
Diese Fragen müssen im Vorfeld sowie im Verlauf bei der Arbeit mit eLearning diskutiert werden. Erfolgreiches eLearning ist an die Bearbeitung dieser Fragestellungen gebunden.
 
Gibt es Erfolgsgaranten bei der Einführung von eLearning in der Berufsbildung? Oder: Was muss unbedingt berücksichtigt werden, wenn eLearning an Berufsfachschulen erfolgreich eingeführt werden soll?
Die Auseinandersetzung mit didaktischen Fragen zu eLearning, aber auch zu konventionellen Unterrichtsmethoden ist unabdingbar - sowohl in der Schulleitung als auch im Kollegium. Zudem benötigt es eine strategische Verankerung von eLearning in der Bildungsinstitution. Dazu muss auch die Frage nach dem Mehrwert von eLearning geklärt sein: Wieso wollen wir mit eLearning arbeiten, welchen Mehrwert erwarten wir davon? In meinem Buch gehe ich näher auf die Strategieentwicklung ein, unter anderem findet sich dort ein "Leitfaden für die Implementierung". Es ist mir ein grosses Anliegen, dass eLearning von Anfang an erfolgreich betrieben werden kann. Dies nicht nur aus ökonomischen Gründen, sondern auch zum Schutz der sich für eLearning engagierenden Lehrerinnen und Lehrern.
 
Oft verebbt der Einsatz von Formen des eLearnings an Schulen nach einer erfolgreichen Pilot- bzw. Einführungsphase. Welche Stolpersteine sehen Sie?
Die grössten Stolpersteine sehe ich in der fehlenden strategischen Verankerung von eLearning. Durch diesen Missstand können dann keine transparenten Implementierungskonzepte entwickelt werden. Erfolgreiche Pilotvorhaben sind oftmals verbunden mit hohem persönlichem Einsatz engagierter Mitarbeitender. Mit fehlender strategischer Verankerung von eLearning resultiert nicht selten daraus grosse Frustration. "Insellösungen" werden von einzelnen Mitarbeitenden durchaus erfolgreich benutzt, haben dann jedoch mangels strategischer Verankerung keine flächendeckende Wirkung.
Ein weiterer Stolperstein liegt in der mangelnden Integration von eLearning in ein Qualitätssicherungskonzept der Schule. Qualitätsnormen sollten von Beginn an auch für eLearning definiert sein.
 
… und schliesslich: Sie haben ein Buch veröffentlicht. Weshalb keine elektronische Publikation im Internet?
Lesen (auch von Sachbüchern) hat viel mit Gefühl zu tun. Lesen eines Buches im Bett, im gemütlichen Sessel, im Garten, am Seeufer oder im öffentlichen Verkehrsmittel ist nicht gleichbedeutend mit Lesen am Laptop. Der Geruch eines Buches, das "Feeling" der Umschlagseite, das Unterstreichen und das Anbringen von Seitenmarkern ist ein bischen sexy… Die elektronische Publikation meines Buches würde Sinn machen für die Einbindung in ein konkretes und betreutes eLearning-Szenario zum Thema "Gemeinsam Lernen im Netz". Die Darstellung der Checklisten, die konkretes eLearning unterstützen, wäre in der elektronischen Erscheinungsweise und deren Möglichkeit für online-Eingaben sicherlich eine zusätzliche Bereicherung. Das Buch ist jedoch nicht Gegenstand eines dazugehörenden Kurses, sondern ist allgemein für an diesem Thema interessierte Leserinnen und Leser geschrieben.
 
Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung? Wird im Jahr 2050 noch die Mehrheit der Jugendlichen eine Berufslehre machen?
2050 wird die Berufsbildung unserer heutigen Berufsbildung nur noch entfernt ähneln. Aber wie wird sie aussehen? Ich vermute, dass Personen mehrere Berufe (Berufe aus der heutigen Sicht) haben bzw. die Berufe häufig gewechselt werden. Dadurch bekommt die Persönlichkeits- sowie berufsfeldorientierte Basisbildung einen grösseren Stellenwert. Die standorttreue Berufsausübung wird zugunsten des ortsungebundenden Arbeitens abnehmen. Die rasche, bedarfsgerechte Aneignung von Wissen und Können drängt dadurch die bisherige traditionelle Berufsausbildung in den Hintergrund. Lehren und Lernen wird man häufig mit Kommunikationstechnologien im Verbund mit Lernenden sowie mit Fachpersonen, die über alle Welt verstreut sind. Die noch stattfindenden Präsenzveranstaltungen werden für die Transferförderung des Wissens eingesetzt. Die Berufsausbildung ist nicht mehr auf Jugendliche fokussiert, alle Altersgruppen benutzen situationsorientierte Bildungsangebote. Berufsabschlüsse im heutigen Sinne gibt es vielleicht nicht mehr.

Mai 2008

Kontakt:
Bernd Räpple, Verantwortlicher für eLearning und eHealth, Lindenhof Schule Bern
E-Mail: Bernd.Raepple@lindenhof-schule.ch

Die Fragen stellte Karl Wimmer, Bereichsleiter Berufsbildung, educa.ch
E-Mail: k.wimmer@educa.ch
 
Weiterführende Informationen:
 
Bernd Räpples Buch:
Gemeinsam lernen im Netz.
Computerunterstütztes kollaboratives Lernen in der Berufsbildung. Eine Praxisanleitung mit Checklisten. Bern 2008: hep-Verlag.
ISBN 978-3-03905-430-5, CHF 39.00
 
Externer LinkLink zu Bernd Räpples Buch beim hep-Verlag

Externer Linkwww.lindenhof-schule.ch
 
Download
 
DownloadGemeinsam Lernen im Netz
Das Interview als pdf-Dokument.
32 KB / .pdf
 
Hören Sie, …
 
Download… wie Bernd Räpple die Medienkompetenz Jugendlicher einschätzt.
1053 KB / .mp3
 
Download… welche Kompetenzen beim Einsatz von eLearning auf der Seite der Lehrpersonen gefragt sind.
1046 KB / .mp3
 
Download… wie es beim eLearning zur Zusammenarbeit zwischen Lernenden und Lehrpersonen kommt.
1264 KB / .mp3