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Planspiele für den Unterricht
 
"Richtig eingesetzt, können spielerische Lernformen lang anhaltende Lerneffekte und tief verankerte Erfahrungen auslösen:"
Markus Ulrich, Entwickler von didaktischen Planspielen
 
Mit Hilfe von Planspielen kann erfahrungsbasiertes Lernen in fiktiven und vereinfachten Situationen dargestellt werden. Markus Ulrich ist Inhaber der Firma UCS Ulrich Creative Simulations (Zürich), die auf Entwicklung und Einsatz von Planspielen und didaktischen Computerspielen spezialisiert ist.
 
Weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit keine Berufslehre absolviert?
Zur Zeit des Entscheids für eine Berufslehre war ich am Gymnasium. Ich war neugierig auf Vieles, lernte gern und leicht. Aus diesem Grund habe ich mir damals die Frage einer Berufslehre nicht gestellt.
 
Planspiele, Simulationsspiele: Was muss man darunter verstehen?
Diese Frage möchte ich mit zwei Beispielen beantworten. Vielleicht spielen Sie mit einer Klasse FISCHTEICH (Link zum Spiel) oder JEU DES MUETS. Das Thema des Planspiels FISCHTEICH sind Allmendegüter und die Schwierigkeiten bei deren nachhaltiger Nutzung. In der Rolle von Fischern und Fischerinnen fischen die SchülerInnen Runde für Runde in ihrem fiktiven Teich. Die Möglichkeit, sich anonym einen fetten Fang zu sichern und - mindestens zu Beginn - die Unmöglichkeit einer Absprache oder einer Strafe für die Übernutzung führen schockartig schnell zum Kollaps der Fischbestände. Eben noch munter am Fischen und jetzt vor dem leeren Teich sind die Schüler und Schülerinnen offen für eine engagierte Auswertediskussion und die Suche nach Auswegen aus der unentrinnbaren Falle.
Dieses einfache Planspiel illustriert Kernelemente und Aufbau typischer Planspiele. Ein Planspiel verläuft typischerweise in Runden mit mehreren Schritten, die nicht zwingend alle vorhanden sein müssen:
 
ListenpunktStartsituation/Ereignis
ListenpunktDiskussion und Analyse möglicher Handlungsalternativen
ListenpunktEntscheid
ListenpunktAuswertung und Rückmeldung an die Teilnehmenden (diese Auswertung kann, aber muss nicht mit Computer erfolgen)
ListenpunktBeginn der nächsten Runde
 
Im JEU DES MUETS geht es um Teamarbeit und Kommunikation. Dabei muss jedes Mitglied einer Fünfergruppe aus Puzzleteilen je ein Quadrat zusammensetzen, ohne dass miteinander gesprochen oder anderweitig kommuniziert werden darf.
Was ist nun genau ein Simulations- oder ein Planspiel? Planspiele und Simulationsspiele gehören in die Familie der Instrumente erfahrungsbasierten Lernens. In jedem Simulations- und Planspiel sind in unterschiedlich starker Ausprägung Elemente von Simulationen, Spielen, Rollenspielen und Fallstudien enthalten. Eine scharfe Definition ist meines Erachtens weder hilfreich noch zwingend. Gerne arbeite ich mit der nachfolgenden, pragmatischen Definition:
"Das Planspiel versetzt die Teilnehmenden in eine fiktive Situation, die ein vereinfachtes Abbild einer ausgewählten, realen oder hypothetischen Situation ist. Während mehreren Spielrunden machen sich die Teilnehmenden mit dem Szenario vertraut, sie analysieren Ausgangslage und Ziel, führen Verhandlungen und fällen konkrete Entscheidungen. Daraus wird mit Hilfe des Planspielmodells die Ausgangslage für die nächste Spielrunde ermittelt.
Während der anschliessenden Transferphase werden die Erfahrungen aus dem Planspiel mit der Realität verbunden. Während dieser Reflexionsarbeit entwickeln die Teilnehmenden ihre Erfahrungen aus dem Planspiel zu praxiswirksamem Handlungswissen weiter."
Zwei Elemente sind dabei besonders wichtig. Erstens der Ebenenwechsel zu Beginn der Simulationsphase. In diesem Schlüsselmoment verlassen die Teilnehmenden die Ebene des "über-die-Dinge-redens" und gehen unmittelbar in die Handlungsebene. Zweitens die abschliessende Transfer- oder Debriefingsphase, während welcher gemeinsam aus den Puzzlesteinen der unterschiedlichen Erfahrungen aller Teilnehmenden das Gesamtbild, die Lernerfahrung gebaut/konstruiert wird.
Der Begriff "Planspiel" leitet sich ab von der ursprünglichen Form der Planspiele. Diese wurden durchgeführt auf einem Plan, der eine Stadt oder eine militärische Situation darstellte. Der Begriff "Simulationsspiel" wird oft synonym für Planspiel verwendet. Ich bezeichne damit kurze, einfachere Planspiele, die sich bequem in maximal einer Lektion durchführen lassen. Der Begriff lehnt sich an den englischen Begriff "Simulation Game" an.
 
Welche didaktische Bedeutung haben Planspiele im Unterricht?
Der erwähnte Ebenenwechsel während der Simulationsphase, das Eintauchen in die unmittelbare Handlungsebene ist das Schlüsselelement der didaktischen Bedeutung von Planspielen. Gefordert durch das Planspiel vergessen sich die Teilnehmenden selbst, verlieren die üblicherweise vorhandene Distanz zum Unterrichtsgegenstand, zum Geschehen. Dies ermöglicht direkte, unmittelbare Erfahrungen.
Dies wird gezielt verstärkt durch Design-Elemente von Planspielen, wie Gestaltung der Zeitabläufe, des Szenario, der Rollen oder der inhaltlichen Schwerpunkte. Die Zeit, als ein Beispiel, kann beliebig gedehnt oder - meistens - verkürzt werden.
 
Im Planspiel STRATAGEM über Volkswirtschaft und vernetzte Systeme beispielsweise laufen fünf Jahre in einer Spielrunde von 30 Minuten ab. Der Fokus kann, ähnlich einer Karikatur, gezielt auf die zentralen Botschaften verdichtet werden. Im Planspiel FISCHTEICH beispielsweise, in dem weder die Gewinn-/Verlustrechnung der Fischereibetriebe noch die Biologie der Vermehrung der Fischbestände den Blick auf die zentralen Eigenschaften von Allmendesystemen verstellt, erleben die Teilnehmenden diese hautnah und unverstellt, schockartig. Dies verdeutlicht nochmals die zentrale Bedeutung der Auswertephase. Diese unmittelbaren Erfahrungen erfordern eine Auswertediskussion mit einer Einbettung der Erfahrungen in die theoretischen Zusammenhänge.
 
Spielen im Unterricht? Haben da nicht die Lehrbetriebe Bedenken, wenn die Unterrichtszeit der Berufslernenden mit "wertlosem" Spielen verbracht wird?
Die Frage ist, wie Bildungserfolg gemessen werden soll? Misst man Erfolg in PFM (Powerpoint-Folien pro Minute) oder in Kilogramm abgegebenen Unterlagen, so mögen Spiele Leichtgewichte sein. Bemisst man allerdings Erfolg an Lernerfahrungen, die aus einer Lektion bleibend mitgenommen werden, so können Simulations- und Planspiele regelrechte Schwergewichte sein.
Ich sage bewusst, können Schwergewichte sein. Ein Spiel hat nicht generell eine starke Wirkung. Bei einem Einsatz wirken immer viele Faktoren mit: unterschiedliche Lernstile von Lernenden, die Einbettung des Spiels im Kontext, die Entfaltung des Spielgeschehens im Hier und Jetzt, die Erfahrung der Lehrkraft, etc. Doch, richtig eingesetzt können spielerische Lernformen lang anhaltende Lerneffekte und tief verankerte Erfahrungen auslösen. Die Erfahrungen der Studierenden der Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich, die seit 10 Jahren am Anfangswochenende mit dem New COMMONS GAME, einem dem FISCHTEICH verwandten Planspiel über natürliche Ressourcen begrüsst werden, bestätigen dies eindrücklich. Man ist als ganzer Mensch mit dabei, wird sozusagen durch das Spiel bei sich selbst, eigenen Handlungsmustern und Denkschemen ertappt und die Lernenden erhalten in der Interaktion mit dem Spielmodell und den anderen Teilnehmenden die Chance auf eine Weiterentwicklung von sich selbst.
 
Für welche Fächer und Themen im Berufsschulunterricht eignen sich Planspiele?
Die breite Definition von Planspielen schliesst keine Fächer von der Methode aus, was einige Beispiele erläutern mögen. In den Fächern Wirtschaft/Handel lassen sich in je maximal einer Lektion mit dem Simulationsspiel GELD-SPIEL Geldflüsse anschaulich erleben, mit HIMMEL-HÖLLE die Zusammenhänge von Arbeitsteilung und Produktivität erleben oder mit WELTHANDEL grundlegende Charakteristika von Handelsbeziehungen zwischen reichen Ländern mit Finanzen und Know-How und armen Ländern mit Ressourcen vermitteln.
Für die allgemeinbildenden oder Umwelt/Ökologie-Fächer liessen sich das BAREGG-TUNNEL-SPIEL (Strategien des persönlichen Umwelt- und Mobilitätsverhaltens), SONDERMÜLL (Umgang mit kritischen Abfallstoffen) oder das KLEINE NACHHALTIGKEITSSPIEL (Auseinandersetzung mit persönlichen Werten bezüglich nachhaltiger Entwicklung) erwähnen.
Für den Bereich Kommunikation/Teambildung/Sozialkompetenzen gibt es ebenfalls zahlreiche Simulations- und Planspiele, wie das bereits erwähnte JEU DES MUETS oder der SECHSTE SINN.
Auch in anderen Fächern Geschichte, Philosophie, Sprachfächern können Simulations- und Planspiele, ev. schwerpunktmässig als Rollenspiele oder Simulationen ausgestaltet, die lebendige Auseinandersetzung mit Lerninhalten fördern. Johan Huizinga beschrieb das Spiel als Grundlage der Kultur, als eine "primäre Lebenskategorie". In diesem Sinn können alle spielerischen Lernformen einen wesentlichen Beitrag zur Bildung leisten.
 
Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung? Wird im Jahr 2050 noch die Mehrheit der Jugendlichen eine Berufslehre machen?
Als Fachmann für Planspiele und didaktische Computerspiele kann ich auf diese Frage keine umfassende Antwort geben. Doch, ich erlebe, wann immer ich vor jungen Menschen stehe, eine ungeheure Offenheit für die drängenden Fragen unserer Zeit, für die Frage, wie die Bedürfnisse einer wachsenden Menschheit heute und in Zukunft innerhalb der Begrenzungen des Planeten Erde auf eine förderliche Art und Weise gestillt werden können. Ich träume von einer Bildung, welche junge Menschen ermuntert, begeistert und befähigt, sich mit der jedem Leben eigenen Kraft und Kreativität einzuklinken und mit zu wirken bei dieser grossen, spannenden und wichtigen Herausforderung.
"Dinge, die wir lernen müssen,
bevor wir sie tun können,
lernen wir,
indem wir sie tun. (Aristoteles, 4. Jh. v. Chr.)
03.04.2008

Kontakt
E-Mail Markus Ulrich: markus.ulrich@ucs.ch
Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch
E-Mail: g.zahno@red.educa.ch

Literatur
Roman Capaul/Markus Ulrich, PLANSPIELE: Simulationsspiele für Unterricht und Training
Verlag Tobler Altstätten 2003
ISBN 3-85612-151-X
 
Weiterführende Informationen
 
Externer Linkwww.ucs.ch
Homepage vom Markus Ulrich, Entwickler von Planspielen und didaktischen Computerspielen
Externer Linkwww.iconomix.ch
Bildungsangebot der Schweizerischen Nationalbank mit vielen Planspielen zum Thema Ökonomie
Externer Linkwww.umweltspiele.ch
Übersichtsseite mit Links zu Online- und Planspielen zum Thema Umwelt
Externer Linkwww.seneth.ethz.ch
SUSTANIA - das Online-Strategiespiel der ETH um natürliche Ressourcen
Externer Linkwww.trico2lor.ch
Planspiel zum Thema Klima und Energie (Brettspiel)
Externer Linkwww.ucs.ch/ref/refklimacheck.html
Online-Fragebogen zum persönlichen Verhalten und Klimaänderung, mit Klima-Simulator
 
Downloads
 
DownloadInterview als Download
85 KB / .pdf
 
DownloadHören Sie Markus Ulrich zu, was er über die Einführungsphase eines Planspiels meint
mp3 1.30 Min.
1384 KB / .mp3
 
DownloadHören Sie, was Markus Ulrich zu der Spielphase sagt
mp3 2 Min.
2034 KB / .mp3
 
DownloadHören Sie die Tipps zum Thema Debriefing in einem Planspiel und was es mit den 4E auf sich hat
mp3 2.50 Min.
2568 KB / .mp3