E-Learning an der GIBB
![]() | "Die Lehrpersonen sind die wichtigsten Mitspieler. Nach wie vor hängt guter Unterricht primär von den Fähigkeiten dieser Persönlichkeiten ab. Technik allein reicht nicht." Niklaus Gerber, Verantwortlicher für das Schulprojekt E-Learning und Wissensmanagement |
Die Gewerblich-Industrielle Berufsschule Bern hat sich zu E-Learning Entwicklungsziele gesetzt. Niklaus Gerber ist verantwortlich für das Schulprojekt E-Learning und Wissensmanagement. Seit 1994 ist der Maschinenbauingenieur und Berufsschullehrer Vorsteher der Abteilung für Mechanisch-Technische Berufe an der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Bern (GIBB).
Weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?
Mein ursprüngliches Berufsziel war Pilot. Der damalige Berufberater empfahl mir, an den Lehrwerkstätten Bern eine Lehre als Mechaniker zu machen. Während der vier Ausbildungsjahre an den Lehrwerkstätten Bern traf ich auf sehr gute Lehrer und Pädagogen - sowohl auf Seite Werkstatt wie Berufsschule. Sie haben mich wohl für meine weitere Laufbahn beeinflusst. Die Vorstellung, einmal selbst "dort vorne" zu stehen, ist sicher hier gesät worden. Heute - 30 Jahre später - blicke ich auf einen spannenden Entwicklungsweg zurück, bei dem am Anfang eine Berufslehre stand. Das Berufsbildungssystem hatte bereits früher zahlreiche offene Türen, durch die ich gehen konnte. Diese Öffnungen ermöglichten mir das heute viel zitierte "lebenslange Lernen". Stets auf Praxisbezug und Umsetzungsorientierung gerichtet.
Mein ursprüngliches Berufsziel war Pilot. Der damalige Berufberater empfahl mir, an den Lehrwerkstätten Bern eine Lehre als Mechaniker zu machen. Während der vier Ausbildungsjahre an den Lehrwerkstätten Bern traf ich auf sehr gute Lehrer und Pädagogen - sowohl auf Seite Werkstatt wie Berufsschule. Sie haben mich wohl für meine weitere Laufbahn beeinflusst. Die Vorstellung, einmal selbst "dort vorne" zu stehen, ist sicher hier gesät worden. Heute - 30 Jahre später - blicke ich auf einen spannenden Entwicklungsweg zurück, bei dem am Anfang eine Berufslehre stand. Das Berufsbildungssystem hatte bereits früher zahlreiche offene Türen, durch die ich gehen konnte. Diese Öffnungen ermöglichten mir das heute viel zitierte "lebenslange Lernen". Stets auf Praxisbezug und Umsetzungsorientierung gerichtet.
Welche Bedeutung messen Sie E-Learning an einer Berufsschule bei?
Zunächst zum Begriff E-Learning. Wir verwenden diesen für alle Lehr- und Lernaktivitäten, bei welchen das Hilfsmittel Computer eingesetzt wird. Das beginnt bei der einfachen Erstellung eines Dokumentes mit einen Textverarbeitungsprogramm bis zur kollaborativen Teamarbeit in einer virtuellen Lernumgebung.
E-Learning an Berufsfachschulen muss in einem erweiterten Kontext gesehen werden und die heutige reale Situation in Berufswelt und Gesellschaft abbilden. In dieser nimmt die Informatikdurchdringung stetig zu. Von den angehenden Berufsleuten wird der kompetente Umgang mit neuen Medien erwartet, also Medienkompetenz. Daraus ableitbar wird der entsprechende Bildungsauftrag einer Berufsfachschule bzw. Lehrauftrag einer einzelnen Lehrperson. Auf der Ebene Unterricht schliesslich sind Lernarrangements sinnvoll, wenn sie nach dem Blended Learning Ansatz gestaltet sind und den Präsenzunterricht sinnvoll ergänzen.
Zunächst zum Begriff E-Learning. Wir verwenden diesen für alle Lehr- und Lernaktivitäten, bei welchen das Hilfsmittel Computer eingesetzt wird. Das beginnt bei der einfachen Erstellung eines Dokumentes mit einen Textverarbeitungsprogramm bis zur kollaborativen Teamarbeit in einer virtuellen Lernumgebung.
E-Learning an Berufsfachschulen muss in einem erweiterten Kontext gesehen werden und die heutige reale Situation in Berufswelt und Gesellschaft abbilden. In dieser nimmt die Informatikdurchdringung stetig zu. Von den angehenden Berufsleuten wird der kompetente Umgang mit neuen Medien erwartet, also Medienkompetenz. Daraus ableitbar wird der entsprechende Bildungsauftrag einer Berufsfachschule bzw. Lehrauftrag einer einzelnen Lehrperson. Auf der Ebene Unterricht schliesslich sind Lernarrangements sinnvoll, wenn sie nach dem Blended Learning Ansatz gestaltet sind und den Präsenzunterricht sinnvoll ergänzen.
Die GIBB hat sich Entwicklungsziele zum Thema E-Learning gesetzt. Mit welcher Strategie und mit welchem Konzept führen Sie E-Learning an Ihrer Schule ein?
Wir betrachten E-Learning als Teil der Schulentwicklung. Strategisch lehnen wir uns an die aus der Arbeitspsychologie stammende MTO-Philosophie an. Diese besagt, dass Mensch, Technik und Organisation eine Einheit bilden und stets gleichsam entwickelt und erhalten werden müssen. Die Rede ist hier vom magischen Dreieck des E-Learnings.
Wir betrachten E-Learning als Teil der Schulentwicklung. Strategisch lehnen wir uns an die aus der Arbeitspsychologie stammende MTO-Philosophie an. Diese besagt, dass Mensch, Technik und Organisation eine Einheit bilden und stets gleichsam entwickelt und erhalten werden müssen. Die Rede ist hier vom magischen Dreieck des E-Learnings.
| auf der Ebene Technik sind selbstredend die Hard- und Software und natürlich die Lernplattform abgebildet. Hier haben wir uns mitunter aus Kostengründen für educanet2 entschieden. | |
| auf der Ebene Organisation sind wir mit der Bildung eines eigenständigen Ressorts E-Learning dem Wunsch nach gezielter Betreuung und Unterstützung des Kollegiums in didaktischer, technischer und organisatorischer Hinsicht entgegengetreten. Jede der sechs Abteilungen verfügt über eine/n Abteilungsverantwortlichen E-Learning. Mit diesen Leuten nahe am Kollegium können wir Support vor Ort bieten. | |
| auf der Ebene Lehrperson steht die Qualifikation im Zentrum. Lehrpersonen sollen befähigt werden, mit der Technik umzugehen. Hierzu haben wir entsprechende Ausbildungsangebote geschaffen. |
Welche Bedeutung haben die Lehrpersonen dabei?
Die Lehrpersonen sind die wichtigsten Mitspieler. Nach wie vor hängt guter Unterricht primär von den Fähigkeiten dieser Persönlichkeiten ab. Technik allein reicht nicht. Unsere Entwick-lungsziele sind aus diesem Grund schwergewichtig auf der Ebene Mensch positioniert. Das Qualifikationshaus dient hier als Architektur. Es besteht aus zwei Stockwerken und einem Dachgeschoss. Lehrpersonen, welche das Qualifikationshaus durchlaufen haben, erhalten den gibb-Ausweis "E-Education":
Die Lehrpersonen sind die wichtigsten Mitspieler. Nach wie vor hängt guter Unterricht primär von den Fähigkeiten dieser Persönlichkeiten ab. Technik allein reicht nicht. Unsere Entwick-lungsziele sind aus diesem Grund schwergewichtig auf der Ebene Mensch positioniert. Das Qualifikationshaus dient hier als Architektur. Es besteht aus zwei Stockwerken und einem Dachgeschoss. Lehrpersonen, welche das Qualifikationshaus durchlaufen haben, erhalten den gibb-Ausweis "E-Education":
| das Erdgeschoss umfasst die ECDL-Qualifikation und trägt das Motto "Learn to use ICT". Der einheitliche Ausbildungsstandard in der Informatik-Grundbildung steht im Zentrum. Hauptamtlich an der gibb tätige Lehrpersonen haben sechs ECDL-Module, nebenamtlich tätige deren vier zu absolvieren resp. mit einer Gleichwertigkeit zu belegen. Dazu geben wir ihnen jeweils vier Jahre Zeit. | |
| das Obergeschoss beinhaltet die fortsetzende E-Learning Ausbildung. "Use ICT to teach and to learn" steht hier für den Inhalt. Sie ist modular konzipiert und umfasst die Themen E-Platform (basics, Web, Wiki), E-Scenarios, E-Moderation, E-Contents (basics, HTML), E-Testing und E-Survey. | |
| das Dachgeschoss schliesslich rundet diese Ausbildung mit einem E-Transferproject ab, welches mit einer eigenen Klasse durchgeführt wird. |
Welches Vorgehen raten Sie einer Schule, die ein Projekt E-Learning starten möchte?
Ich vergleiche die Einführung von E-Learning und Wissensmanagement an einer Bildungsin-stitution mit derjenigen des Qualitätsmanagements. Die Einbindung der Schulleitung in die Strategie ist das wichtigste. Ich rate, ohne diese ideelle und materielle Unterstützung von oben gar nicht erst zu beginnen. Wenn diese Rahmenbedingung hingegen vorhanden ist und das Vorhaben der erwähnten MTO-Trilogie folgt, dann macht ein solches Projekt Freude und Spass. Es lohnt sich allerdings, den Weg pragmatisch und sorgfältig anzugehen, damit - wie früher aufgezeigt - möglichst alle folgen können. Ich denke dabei an die Gefahr - oder, um Ihr Wort aufzunehmen, an den Fallstrick des "Digital Divide", welcher in Bildungsinstitutionen im Auge behalten werden muss. Eine Teilung im Lehrkörper darf nicht passieren. Denn: wer sonst als die Schule und ihre Lehrkräfte können verhindern, dass diese bereits sichtbare Spaltung in der Gesellschaft weiter voranschreitet und letztlich Gewinner und Verlierer die Folge sind?
Was die technische Seite im Besonderen angeht, so empfehle ich auch hier, nicht primär in eine kostenintensive Lernplattform zu investieren; zumindest nicht am Anfang.
Ich vergleiche die Einführung von E-Learning und Wissensmanagement an einer Bildungsin-stitution mit derjenigen des Qualitätsmanagements. Die Einbindung der Schulleitung in die Strategie ist das wichtigste. Ich rate, ohne diese ideelle und materielle Unterstützung von oben gar nicht erst zu beginnen. Wenn diese Rahmenbedingung hingegen vorhanden ist und das Vorhaben der erwähnten MTO-Trilogie folgt, dann macht ein solches Projekt Freude und Spass. Es lohnt sich allerdings, den Weg pragmatisch und sorgfältig anzugehen, damit - wie früher aufgezeigt - möglichst alle folgen können. Ich denke dabei an die Gefahr - oder, um Ihr Wort aufzunehmen, an den Fallstrick des "Digital Divide", welcher in Bildungsinstitutionen im Auge behalten werden muss. Eine Teilung im Lehrkörper darf nicht passieren. Denn: wer sonst als die Schule und ihre Lehrkräfte können verhindern, dass diese bereits sichtbare Spaltung in der Gesellschaft weiter voranschreitet und letztlich Gewinner und Verlierer die Folge sind?
Was die technische Seite im Besonderen angeht, so empfehle ich auch hier, nicht primär in eine kostenintensive Lernplattform zu investieren; zumindest nicht am Anfang.
Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung? Wird im Jahr 2050 noch die Mehrheit der Jugendlichen eine Berufslehre machen?
Gegenwärtige und am Anfang stehende Trends - ich beschränke mich damit auf eine bildungspolitische Aussage - betrachte ich mit einiger Sorge. Sie können zu tatsächlichen Herausforderungen für unser Bildungssystem werden, da sie zueinander vernetzt sind:
Gegenwärtige und am Anfang stehende Trends - ich beschränke mich damit auf eine bildungspolitische Aussage - betrachte ich mit einiger Sorge. Sie können zu tatsächlichen Herausforderungen für unser Bildungssystem werden, da sie zueinander vernetzt sind:
| Blickpunkt Lernende: Mit Blick auf Europa ist die zunehmende Verakademisierung des gesamten schweizerischen Bildungssystems ein Risikofaktor. Dies beginnt bei den Maturitätsquoten in den Ländern rund um die Schweiz, welche Sogwirkung erzeugt. Die heutige Quote von knapp 20% wird ansteigen und gut qualifizierte, potenzielle Lernende vom Weg in die Berufsbildung abbringen. Folge wird ein Vakuum in den besonders anspruchsvollen Berufen sein. Ich verweise hier auf die heute in der Wirtschaft bereits zahlreich fehlenden Ingenieure. Wie sich also dieser egalitaristische Trend fortsetzen wird, wonach alle - ich sage dies bewusst überspitzt - an die Universität gehen sollten, ist offen. Das Risiko ist offensichtlich, dass auf beiden Bildungswegen eine Niveauabsenkung resultieren wird. | |
| Blickpunkt Lehrpersonen: Mit der Schaffung des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung (EHB) geht der Trend zu immer höherer Ausbildung weiter. Künftige Berufsschullehrer/innen müssen beispielsweise über die volle Berufsmaturität - bisher waren es vier Fächer - verfügen. Es wird meines Erachtens eine unerfüllbare Herausforderung werden, qualifizierte Berufsleute zu finden. Das Angebot an solch ausgebildeten Kandidaten - insbesondere im gewerblich-industriellen Bereich - ist äusserst schmal. Die Frage sei erlaubt, was die Aufwärtsorientierung im bisher stabilen und soliden Lehrer/innen-Ausbildungssystem letztlich soll. | |
| Blickpunkt Lehrbetriebe: Einen dritten Problembereich lokalisiere ich bei der Ausbildungsbereitschaft der Firmen. Wir werden im nächsten Jahr den demografischen Kipppunkt erreichen. Geburtenschwache Jahrgänge stehen an der Schwelle zur Berufsbildung. Lehrbetriebe werden zunehmend - wie oben bereits erläutert - Mühe bekunden, ausreichend qualifizierte Lernende zu finden. In Wiederholsituationen kann dies dazu führen, dass sich Firmen ganz aus der Berufsbildung zurückziehen. |
Mit Blick in die Zukunft müssen diese Trends beachtet und gegebenenfalls abgebremst werden. Die Bildungspolitik ist hier gefordert.
Trotzdem - und nun zu Ihrer zweiten Frage - glaube ich, dass nach wie vor mehr als die Hälfte der Jugendlichen im Berufsbildungssystem verbleiben werden. Dieses einmalige System ist eine tragende Stütze in unserer Volkswirtschaft, die grundsätzlich erhalten bleiben wird. Qualitativ hingegen werden sich die Lehrberufe weiter von den produktions- zu dienstleistungsnahen Inhalten hinbewegen, in welchen die Informationstechnik bedeutsamer, um nicht zu sagen der zentrale Kern wird. Damit kann der Weg zu immer stärkerer Vernetzung abgeleitet werden. Einerseits auf der technischen, andererseits auf der Ebene der in diesen Systemen arbeitenden Menschen. Teamkompetenz wird weiter in den Vordergrund rücken.
24. 9. 2007
Trotzdem - und nun zu Ihrer zweiten Frage - glaube ich, dass nach wie vor mehr als die Hälfte der Jugendlichen im Berufsbildungssystem verbleiben werden. Dieses einmalige System ist eine tragende Stütze in unserer Volkswirtschaft, die grundsätzlich erhalten bleiben wird. Qualitativ hingegen werden sich die Lehrberufe weiter von den produktions- zu dienstleistungsnahen Inhalten hinbewegen, in welchen die Informationstechnik bedeutsamer, um nicht zu sagen der zentrale Kern wird. Damit kann der Weg zu immer stärkerer Vernetzung abgeleitet werden. Einerseits auf der technischen, andererseits auf der Ebene der in diesen Systemen arbeitenden Menschen. Teamkompetenz wird weiter in den Vordergrund rücken.
24. 9. 2007
Kontakt
E-Mail Niklaus Gerber: Niklaus.Gerber@BERN.CH
Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch
E-Mail: g.zahno@red.educa.ch
E-Mail Niklaus Gerber: Niklaus.Gerber@BERN.CH
Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch
E-Mail: g.zahno@red.educa.ch
| www.gibb.educanet2.ch Toolbox E-learning der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Bern | |
| www.gibb.ch Gewerblich-Industrielle Berufsschule Bern | |
| www.educanet2.ch educanet², die interaktive Arbeits- und Lernumgebung für Schweizer Schulen |
| Teamkompetenz als Basis erfolgreichen Wissensmanagement Auszug aus der Masterarbeit von Niklaus Gerber 110 KB / .pdf |

