Zukunft der Informatikerausbilduung
Statt 10000 werden zur Zeit lediglich 2500 Nachwuchsleute im Jahr in der Informatikbranche ausgebildet. Alfred Breu ist als vollamtlicher Geschäftsführer und Präsident der Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik am Puls und will die Berufsausbildung in der Informatikerausbildung fördern. Er ist beteiligt an der neuen OdA Schweiz ICT-Berufsbildung Schweiz.
"Leistungswillige junge Leute mit einigermassen Umgangsformen und Teamfähigkeit haben beste Aussichten auf beste Karrieren in der Informatikbranche."
Alfred Breu, Präsident der Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik
Weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?
Ich habe meine erste Zeit meines Lebens im Engadin verbracht. Damals habe ich mich für eine Banklehre entschlossen - ein Schritt, den ich nie bereut habe. Ich hatte eine sehr schöne Berufszeit und viele interessante Aufgaben. Seit 2000 widme ich mich vollzeitlich der Informatik-Berufsbildung.
Heute ist der Entscheid, ob Berufsbildung oder Gymnasium und Studium dank unseres sehr durchlässigen Bildungssystems noch einfacher geworden. Schüler/-innen können heute ganz klar ihrer Vorliebe nach entscheiden - ob Berufslehre oder Studium, sie kommen zum gleichen Ziel. Nacheiner Berufslehre mit BMS kann man ohne grossen Zusatzaufwand ein Universitätsstudium aufnehmen so gut wie ab Matur mit einer 2-jährigen verkürzten Lehre in einen Beruf wechseln und an eine Fachhochschule studieren. Wichtig ist aber die gute Grundausbildung, ohne die geht es nicht mehr.
Wie kann denn genügend Nachwuchs sichergestellt werden?
Einerseits geht es nun darum, die Anzahl Lehrstellen zu erhöhen, aber auch darum, vermehrt Berufsmarketing zu betreiben. Die Medien haben seit dem Platzen der Internet-Blase zu oft über eine Verschiebung der Informatik-Entwicklung ins Ausland berichtet, dass das Interesse nach der Lehre und dem Studium stark zusammengebrochen sind. Man hat offenbar den Eindruck gehabt, dass man als Informatiker/-in in der Schweiz wenig Zukunftsaussichten hat. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Wir hatten noch nie so viele Informatiker/-innen im Land und noch nie einen so hohen Bedarf. Jährlich holt man 6’000 bis 8’000 best ausgebildete Fachleute in die Schweiz - das ist doch der Beweis, dass man die Leute braucht und die Entwicklung hier im Lande behalten will. Fast jedes Produkt, jede Dienstleistung oder jeder Prozess stützt auf eine Informatiklösung. Mit zunehmendem Masse. Dafür braucht es viele gute und innovative Leute. Hier gilt es anzusetzen: leistungswillige junge Leute mit einigermassen Umgangsformen und Teamfähigkeit haben beste Aussichten auf beste Karrieren. Entsprechend kann man diesen Weg mit gutem Gewissen empfehlen. Jetzt geht es darum, die Anzahl der Lehrlinge und Studenten deutlich zu erhöhen.
Wie präsentiert sich die Situation für die Berufsbildung in der Informatikbranche?
Informatiker sind ähnlich wie Kaufleute in praktisch allen Branchen eingesetzt. Das macht ja den Beruf so spannend, die Einen lieben die Bankenwelt und arbeiten für diese, anderen ist das Gesundheitswesen oder die Industrie oder die Verwaltung näher am Herzen. Sie arbeiten in diesen Bereichen oder für diese.
Die Informatik hat ein sehr gutes und alle Möglichkeiten umfassendes Bildungskonzept. Wir haben eine Attestausbildung, die Mediamatik-Lehre, die Informatiklehre in drei Schwerpunkten oder den schulischen Weg der Informatikmittelschule. Für Berufsumsteiger/-innen besteht ein 2-jähriger Umsteigerlehrgang in zwei Schwerpunkten und für berufserfahrene Quereinsteiger die nachträgliche Validierung ihrer Bildungsleistungen. In der höheren Berufsbildung bestehen Bildungswege zur Berufsprüfung und zur höheren Fachprüfung, ein gutes Angebot an den höheren Fachschulen und an den Fachhochschulen. Zur Zeit engagieren wir uns sehr, die Angebote noch besser auf die Informatik-Grundbildung auszurichten und damit für Lehrabgänger/-innen attraktiver zu machen.
Die Informatikbranche leidet unter Nachwuchsmangel. Die Crédit-Suisse unterstützt künftig die IT-Berufsbildung mit 10 Millionen Franken. Was wurde aus dem einstigen Traumberuf viele Jugendlicher?
Seit den Anfängen vor 50 Jahren ist das Berufsfeld Informatik auf rund 250’000 Fachleute angestiegen. Doch erst seit 1995 gibt es die Berufslehre Informatik, resp. 1985 das Informatik-Studium. Ein Berufsfeld dieser Grössenordnung müsste jährlich rund 10’000 Nachwuchsleute auf den Markt bringen. Derzeit sind es erst knapp 2’500 aus Grundbildung und Studium. Das ist deutlich zu wenig - da besteht Handlungsbedarf in höchstem Masse, will man die leicht verschiebbare Software-Entwicklung nicht ins Ausland verlieren. Das hat nun auch die Wirtschaft erkannt, das Problem wurde zur Manager-Sache. Die Crédit Suisse hat 10 Mio CHF in eine Stiftung zu Gunsten der Informatik-Berufsbildung eingebracht. Mit diesen und weiteren Mitteln sollen jetzt das qualitative und quantitative Bedürfnis an Fachleuten in den nächsten 10 Jahren erhoben und dann Massnahmen ergriffen werden. Darunter zählt die Erhöhung der Anzahl Lehrstellen um 1’000 jährlich bis 2014. Aber auch die Informatikmittelschule und weitere Wege sollen gestärkt werden, vor allem auch der Anteil der Besucher der höheren Berufsbildung. Heute gehen viel zu wenige diesen Weg.
Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit den Berufsschulen?
Die Zusammenarbeit mit den Berufsschullehrkräften ist in der Regel gut. Auch diese Leute könnten noch dazu beitragen, dass einerseits mehr Lehrstellen geschaffen werden durch entsprechende Empfehlungen an ihre Kontaktpartner/-innen. Wesentlich beitragen können Sie durch die Bereitschaft, ihren Unterricht so einzuteilen und zu gestalten, dass die Betriebe möglichst grossen Nutzen haben. Sie müssen ihr Augenmerk auch auf einen hohen Wissenstransfer richten, um den Betrieben die höchstmögliche Unterstützung zu bieten. Der Aufwand der Betriebe für die Berufsbildung ist hoch, es gilt diesen zu Gunsten einer Vermehrung der Lehrstellen zu optimieren. Dies um Argumenten wie “wir können uns diese aufwändige Lehre nicht leisten” entgegenzuwirken.
Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?
Das schweizerische Berufsbildungssystem ist ausgezeichnet. Viele Länder versuchen es zu übernehmen. Wir dürfen darauf stolz sein und es weiter pflegen. Es braucht beides, den gymnasialen Weg und den Berufsbildungsweg. Und da letzterer auch beste Aufstiegsmöglichkeiten bietet, ist es sogar irrelevant, welchen Einstieg man wählt. Es ist wichtig, dass die Berufsbildung in den Händen der Verbände bleibt, so wird diese immer auf die Betriebsbedürfnisse ausgerichtet sein. Genau die Stärke des Systems. Doch müssen wir es im Inland und Ausland deutlich besser erklären. 14% der Absolventen der Sekundarstufe II schliessen mit Berufsmatur ab (Zürich 19.6%), 23.3% die gymnasiale Matur (Zürich 20.8%), zusammen 37.4% (Zürich 41.4%). Das ist auch im internationalen Vergleich ein sehr hoher Anteil, den es auf der BM-Seite noch deutlich zu erhöhen gilt. Der Anteil der Berufsbildungsabsolvent/-innen, die nach der Grundbildung noch einen Abschluss der höheren Bildung absolvieren, liegt inkl. Fachhochschulen bei rund 40%. Dieser Anteil kann noch etwas erhöht werden und so ist die Berufsbildung bestens für die künftige Wissensgesellschaft ausgerichtet. Wir verdanken diesem guten Konzept unsere so tiefe Jugendarbeitslosigkeit
03.05.2010
Kontakt
E-Mail Alfred Breu: alfred.breu@zli.ch
Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch g.zahno@red.educa.ch
Weitere Informationen
Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik
www.zli.chICT Switzerland ist die Dachorganisation der Informatikbranche
www.ictswitzerland.ch

