Ursula Seydoux

von Ursula Seydoux

«Haben Sie hinreichende Beweise dafür, dass sich die Frauen für bestimmte Arbeiten, die der Mann für sich als unwürdig empfindet, besonders eignen?»

«Glauben Sie an Biologie, d.h. dass das derzeitige Verhältnis zwischen Mann und Frau unabänderlich ist, oder halten Sie es beispielsweise für ein Resultat der jahrtausendelangen Geschichte, dass Frauen für ihre Denkweise keine eigene Grammatik haben, sondern auf die männliche Sprachregelung angewiesen sind und infolgedessen unterlegen?»

Messerscharf, auf den Punkt gebracht. Gestellt hat diese zwei Fragen Max Frisch in seinem «Tagebuch 1966-1971» Die Fragen, obwohl bald vier Jahrzehnte alt, sind auch in einer Zeit, wo Gender Studies an den hiesigen Universitäten zum Angebot gehören, aktuell geblieben und (leider) nicht veraltet.

Gender und ich

Bewusst gendersensibilisiert wurde ich an der «Gender und ICT –Tagung» der Schweizerischen Fachstelle für Informationstechnologien im Bildungswesen im September 2004. Das Eingangsreferat begann mit einer Definition von Gender. Gender bezeichnet demnach das soziale Geschlecht, die Geschlechterrollen, die Vorstellungen und Erwartungen, wie Frauen und Männer sind bzw. sein sollten. Diese Geschlechterrollen können sich im Lauf der Zeit ändern und innerhalb oder zwischen den Kulturen unterschiedlich sein. Dies im Unterschied zum biologischen Geschlecht (sex), das mit wenigen Ausnahmen unveränderlich ist. Bereits diese Definition genügte für eine erste Debatte im Saal. Sofort war klar, dass das Wort «Gender» polarisiert. So richtig elektrisch wurde die Stimmung, als die Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer ihre Position bezüglich Gender zu klären hatten. Vier Postitionen standen zur Wahl:

  • Position Anti-Gender aktiv

  • Position Anti-Gender passiv

  • Position Pro-Gender passiv

  • Position Pro-Gender aktiv

Pro-gender passiv

Pro-Gender passiv, das war meine Position. Überzeugt davon, dass Genderkompetenz sehr viel mit Chancengleicheit zu tun hat, beschloss ich in meiner Tätigkeit als ICT-Ausbildnerin für Lehrpersonen der Sekundarstufe I und II und als pädagogische Beraterin für Medien- und ICT-Integration im Kanton Freiburg vermehrt Pro-Gender aktiv zu sein. Diese aktive Haltung wurde unterstützt durch meinen Arbeitskollegen und meine Kollegin, was meinen Auftrag vereinfachte.

Konkret haben wir folgende grössere und kleinere Schritte realisiert:

  • Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sprechen stets beide Geschlechter explizit an (in Kursbroschuren, Bulletins, Mailings).

  • Bei der Dokumentation der pädagogischen Szenarien, welche jede Lehrperson im Kanton durchzuführen hat, verlangen wir explizit eine gendergerechte Sprache.

  • Bei der Ausbildung der Ansprechpersonen ist ein Halbtag dem Thema Gender und ICT gewidmet. Die kontroversen und zum Teil heftigen Rückmeldungen zeugen von der grossen Emotionalität des Themas.

  • Bei der Planung und Ausschreibung von unseren Lehrgängen berücksichtigen wir genderspezifische Aspekte und versuchen den Bedürfnissen von Frauen und Männern gleichermassen gerecht zu werden.

Keine Eintages-Aktion

Klingt alles selbstverständlich und doch ist es nicht. Pro-Gender aktiv zu sein, braucht einen langen Atem... denn Gleichstellung der Geschlechter ist eine Querschnittaufgabe, die bei jeder Massnahme und Aufgabe im Bildungswesen zu berücksichtigen ist - angefangen bei der Planung über die Durchführung bis zur Evaluation - und keine Eintages-Aktion.

Sobald dies selbstverständlich wird und Max Frisch’s Fragen nur Zeugen einer vergangen Zeit sind, können wir uns guten Mutes der nächsten Herausforderung stellen, die da lautet «Was kommt nach der Gleichstellung der beiden Geschlechter?»

Autorin

Ursula Seydoux ist pädagogische Mitarbeiterin der Fachstelle fri-tic.

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