TV im Berufsschulunterricht
«SF Wissen mySchool» (oder Schulfernsehen, wie es früher hiess) bietet für den Unterricht an Berufsfachschulen zu einem breiten Themengebiet didaktisch aufbereitete Sendungen. Konrad Wepfer war bis März 2010 Redaktionsleiter von «SF Wissen mySchool» und ist langjähriger Journalist beim Schweizer Fernsehen.
"Ein altes Vorurteil lautet, dass audiovisueller Unterricht bloss Unterhaltung für die SchülerInnen sei. Weit gefehlt. Denn richtig eingesetzt, verbindet Schulfernsehen nüchterne Daten und Fakten mit Emotionen und Erlebnissen. So wird Lehren und Lernen mit Kopf und Herz möglich."
Konrad Wepfer, Redaktionsleiter «SF Wissen mySchool»
Weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?
Mein ursprünglicher Berufswunsch in der Primarschule war Lokführer bei der "kleinen Roten", also der Rhätischen Bahn. Zu diesem Zweck hätte ich meiner Erinnerung nach im RhB-Depot in Landquart eine Lehre im Metallbereich machen müssen. Wir zogen aber vor dem definitiven Entscheid ins Unterland, wo auch schon in den 60er-Jahren eine "Bildungsrevolution" stattfand. Weil ich ein unproblematischer Schüler war, machte ich die kurze Mittelschule in Winterthur und studierte anschliessend Sozialpsychologie. Schon während des Studiums arbeitete ich beim Schweizer Radio und blieb dann dem Journalismus treu. Die faszinierende Medienwelt hat mich nicht mehr losgelassen. Nur manchmal, wenn ich mit der RhB über die Albula-Strecke fahre, komme ich ins Sinnieren...
Früher hiess es «Schulfernsehen», heute spricht man von «SF Wissen mySchool». Weshalb diese «neudeutsche» Namensänderung?
Der neue Name spiegelt den grossen Wandel im Bereich der audiovisuellen Angebote zum Lehren und Lernen. Das Schweizer Fernsehen hat das Schulfernsehen 1964 eingeführt. Es ist also – wie die «Tagesschau» - eine Sendung mit langer Tradition. Das Schulfernsehen, das gemäss Vorurteil bieder und altbacken sei, hat also schon lange in der turbulenten Medienwelt überlebt. Warum? Weil es sich stets der didaktischen und technischen Entwicklung angepasst hat und anpasst.
Im Vordergrund steht seit zehn Jahren der Einzug von Computer und Internet in den Schulen. Diesen Wandel hat das Schulfernsehen aktiv mitgestaltet. Im Zentrum des Angebots stehen zwar nach wie vor TV-Sendungen mit einem ausgewiesenen Lehrplanbezug. Doch zusätzlich gehört heute zu jeder Sendung auch umfangreiches Online-Material, zum Beispiel Startpakete und Unterrichtsideen für Lehrpersonen oder Beobachtungsaufträge, Arbeitsblätter und edukative Spiele für SchülerInnen. Alle diese Online-Module sind eng auf die jeweiligen Sendungen abgestimmt, damit Sie als Lehrperson ohne grossen Aufwand einen attraktiven, zielorientierten Unterricht durchführen können.
Der Name «SF Wissen mySchool» fasst dieses multimediale Gesamtpaket besser zusammen als der klassische Begriff «Schulfernsehen». Denn «SF Wissen mySchool» tönt umfassender und frischer. Der neue Name lässt zudem Welten wie «MySpace», «YouTube» und «Facebook» anklingen. Das sind virtuelle Bereiche, die sich zu wichtigen Informationsquellen für SchülerInnen und Lehrpersonen entwickelt haben – und da gehört «SF Wissen mySchool» auch dazu.
Lehrpersonen an Berufsschulen schätzen Sendungen aus den Bereichen Politik, Gesellschaft, Wirtschaft. Mit welchen Strategien und Angeboten verwirklichen Sie Ihren Auftrag?
Zuerst zu den konkreten Angeboten: Gegenwärtig strahlen wir zwei Sendungsreihen aus, die sich speziell für den allgemeinbildenden Unterricht der Berufsschulen eignen. Es sind die Reihen «Politik und Gesellschaft» und «Wirtschaft und Gesellschaft». Jede einzelne Folge widmet sich einem alltäglichen Verhalten aus dem politischen und wirtschaftlichen Bereich. So gibt es zum Beispiel Sendungen zu den politischen Stichwörtern Wählen, Abstimmen und Informieren, oder zu den wirtschaftlichen Themen Verdienen, Kaufen und Sparen.
Jede Folge ist nur 15 Minuten lang, also kurz genug für den Einsatz während einer einzigen Lektion. Die einzelnen Folgen sind alle gleich aufgebaut: es gibt zahlreiche SchülerInnen-Statements, eine erklärende Reportage, illustrierendes Filmmaterial aus dem SF-Archiv und einen Experte, der die Sachverhalte vertieft. Zu jeder Folge gehört auch ein umfassendes Online-Angebot, das gratis und jederzeit verfügbar ist – sei es für die Lehrpersonen während der Vorbereitung des Unterrichts, sei es für die SchülerInnen, die das Thema der TV-Sendung vertiefen wollen.
Nun zur Strategie: Wir legen grossen Wert darauf, stets mit den Lehrpersonen im Kontakt zu bleiben. So bekommen wir Echo auf unsere Sendungen und erfahren, welche Wünsche offen sind. Der Kontakt findet auf verschiedenen Ebenen statt. Erstens führen wir seit Jahren am EHB in Zollikofen Kurse über den Einsatz von audiovisuellen Angeboten im Unterricht durch. Zweitens bieten wir zum gleichen Thema auch im SF-Studio in Zürich Weiterbildungstage an. Immer wieder melden sich ganze Abu-Gruppen zu einem Studiobesuch an. Drittens gehören einige Berufsschullehrer zum Team unserer Startpaket-AutorInnen. Diese Personen erhalten jeweils im Voraus unsere neuen TV-Sendungen zugeschickt. Sie visionieren sie dann und verfassen das Online-Zusatzmaterial, das sich an Lehrpersonen und SchülerInnen richtet. Und viertens sitzen Berufsschullehrer auch in sogenannten Konzeptgruppen, die jeweils Inhalt und Form von neuen Sendungsreihen festlegen.
Neben den zwei Reihen zu den Themenbereichen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft verweise ich auf die Reihe «Kulturelle Eigenheiten». Sie ist psychologischen und sozialkundlichen Themen gewidmet. Hier einige Sendungstitel: «Vorbilder», «Ferien», «Mutproben», «Freundschaft», «Familienformen». Auch zu diesen Sendungen gibt es immer ausführliches Online-Zusatzmaterial, das inhaltlich eng mit dem TV-Beitrag verknüpft ist.
Ergänzend zu den drei erwähnten Sendungsreihen finden Sie auf der mySchool-Homepage noch eine Fülle von weiteren TV-Beiträgen, welche sich für Berufsschulen eignen. Am besten lassen sich diese Sendungen herausfiltern, wenn Sie einige Stichwörter zu Ihrem Unterricht in das mySchool-Suchfenster eingeben und unter den Treffern jene Angebote auswählen, die am besten zu Ihren Unterrichtsideen passen.
Wer finanziert «SF Wissen mySchool»?
Das Schulfernsehen wird von Montag bis Freitag zwischen 9:30 und 10:30 Uhr ausgestrahlt, und zwar auf dem Hauptsender SF 1. Das ergibt ein jährliches Angebot von total 220 Sendestunden. Jede Sendestunde ist dabei unterteilt in mehrere Einzelbeiträge von 15, 30 oder 45 Minuten Dauer. Die mySchool-Kernredaktion umfasst fünf Personen. Zusammen mit rund 30 freien MitarbeiterInnen produziert die mySchool-Redaktion eigene TV-Beiträge, kauft Sendungen auf dem inländischen und ausländischen Markt ein und betreibt die Homepage, die zu den grössten Online-Angeboten des Schweizer Fernsehens gehört.
«SF Wissen mySchool» ist eine typische Service-Public-Leitung, die sich über den freien Markt nicht finanzieren liesse. Gemäss Konzession hat das Schweizer Fernsehen den Auftrag, neben Information, Sport und Unterhaltung auch bildende Inhalte zu vermitteln. Das Schulfernsehen ist eines der Bildungsangebote, womit SF diese Vorgabe erfüllt – wie erwähnt, seit über 45 Jahren.
Das Schweizer Fernsehen ist publizistisch und produktionell für das mySchool-Angebot verantwortlich. Seit Jahrzehnten zählen die Erziehungsdirektionen der deutschen Schweiz, das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie sowie das Fürstentum Liechtenstein zu den Partnern des Schulfernsehens. Sie unterstützen das Sendegefäss gegenwärtig mit rund 500'000 Franken pro Jahr und übernehmen damit knapp ein Drittel des Budgets. Die Bildungspartner lassen zudem das gesamte mySchool-Angebot, also TV-Sendungen und Zusatzmaterial im Internet, von einer Fachkommission begleiten und beurteilen.
Detailzahlen über die Produktionskosten einzelner Sendungen geben wir keine bekannt. Nur so viel: mySchool-Eigenproduktionen kosten pro Minute deutlich weniger als 2'000 Franken. Das ist zwar immer noch viel Geld, aber im Quervergleich sehr günstig für eine professionelle Filmproduktion.
Multimediale Elemente wie TV oder Internet im Unterricht richtig einzusetzen, ist nicht trivial. Welche Tipps können Sie Lehrpersonen an Berufsschulen dazu geben?
Ein altes Vorurteil lautet, dass audiovisueller Unterricht bloss Unterhaltung für die SchülerInnen sei. Weit gefehlt. Denn richtig eingesetzt, verbindet Schulfernsehen nüchterne Daten und Fakten mit Emotionen und Erlebnissen. So wird Lehren und Lernen mit Kopf und Herz möglich.
Was heisst das konkret? Videos und Computer sind zwar eine Abwechslung zu Buch und Wandtafel. Aber das allein garantiert noch keinen Lernerfolg. Wichtig ist, dass sich die Klasse aktiv mit einer Sendung auseinandersetzt. Es empfiehlt sich daher grundsätzlich, stets das mySchool-Beobachtungsblatt zur gewählten Sendung aus dem Internet herunterzuladen. Die SchülerInnen erhalten damit eine erste Arbeitshilfe und füllen das Blatt nach der Visionierung des Films aus – sei es in Partnerarbeit, in der Gruppe oder als Hausaufgabe.
Mit Grundfragen nach dem Wer, Was, Wann, Wo, Wie und Warum lässt sich der Inhalt einer Sendung zusätzlich strukturieren. Wertvoll ist es auch, emotionale Eindrücke zu erfassen. Welche Gefühle löst eine Sendung aus? Wie wirken die verschiedenen Personen im Film? Haben alle SchülerInnen den Film gleich erlebt und gleich verstanden? Wo ergeben sich inhaltliche und emotionale Unterschiede? Diese wichtigen Fragen lässt man mit Vorteil in der Klasse besprechen. Zur weiteren Vertiefung können die SchülerInnen mit dem Online-Material allein weiter arbeiten. Sie können zum Beispiel selber die Lösungen zum Beobachtungsblatt im Internet überprüfen oder Online-Arbeitsblätter und –Spiele lösen.
Fazit: Mit audiovisuellen Produkten arbeitet sich genau gleich wie mit Schulbüchern, Zeitungen, Plakaten und anderen Lehrmitteln: Es braucht klare Lernziele, eine kreative Planung und eine kompetente Umsetzung im Klassenzimmer. Dank engagierten Lehrpersonen wird also aus einem «Filmchen» plötzlich «Schlaues Fernsehen für die Schule», das motiviert und den Lernerfolg verbessert.
21.05.2010
Kontakt
E-Mail Konrad Wepfer: Konrad.Wepfer@sf.tv
Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch g.zahno@red.educa.ch


