Wirtschaft 4.0 und die Auswirkungen auf die Schule

An der Fachtagung 2017 von educa.ch hat Markus Koch einen Bogen von der Wirtschaft zu den Auswirkungen auf das Bildungswesen gespannt. Für «Insight Berufsbildung» schaut er noch etwas genauer auf die Berufsbildung und legt dar, wie Lehrpersonen mit der Digitalisierung umgehen können. Markus Koch ist Partner beim Beratungsunternehmen Deloitte und gilt da als Vordenker bezüglich Industrie 4.0, Digitalisierung und Wachstum.

Markus Koch

«Das Zurechtfinden in ambivalenten Situationen erscheint mir wichtig. Selbstverständlich gehört dazu auch, dass die Lernenden dazu herangeführt werden, zu experimentieren und aus Fehlern konsequent zu lernen.»

Markus Koch, Berater und Vordenker Industrie 4.0

Herr Koch, weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Nach der obligatorischen Schulzeit habe ich eine Banklehre gemacht. Die Schnupperlehre hatte mir gut gefallen. Zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen war etwas spannendes Neues. Diesen Entscheid habe ich nie bereut und ich denke, ich profitiere bezüglich Arbeitsethik noch heute davon. Ich bin stolz, dass ich auch heute noch nicht nur Sitzungen leiten und Konzepte entwickeln, sondern diese Konzepte in jedem nötigen Detaillierungsgrad auch umsetzen kann. Ich habe später die damalige HWV (heute Fachhochschule Wirtschaft) und dann einen MBA an einer führenden US-amerikanischen Business School absolviert.

Wirtschaft 4.0 ist in aller Munde. Können Sie an zwei drei Beispielen zeigen, was dies für die Wirtschaft und Gesellschaft in unserem Land bedeutet?

Wirtschaft 4.0 im engeren Sinn ist eine evolutionäre Entwicklung. Die seit den 80er-Jahren computergesteuerten Maschinen werden untereinander und mit den Produkten zu cyber-physischen Systemen verknüpft. Solchen technischen Fortschritt hat es immer gegeben. Insbesondere sind wir im Hochlohn-Land Schweiz darauf angewiesen, immer an vorderster Front der technologischen Entwicklung zu stehen. Der einzige Unterschied gegenüber früheren Entwicklungen dürfte sein, dass die heutige Entwicklung schneller abläuft als noch vor einigen Jahren. Wesentlich revolutionärer sind die Änderungen, die von der Digitalisierung im weiteren Sinn ausgehen. Die Maschine, die durch Industrie 4.0 optimiert wird, braucht es nach der Digitalisierung vielleicht gar nicht mehr. Der 3D-Druck könnte die Maschinen von heute ersetzen oder das Geschäftsmodell ändert sich derartig, dass die Maschine zwar noch hergestellt wird, aber nicht mit der Maschine sondern mit den Daten, die die Maschine generiert, der Profit verdient wird.

Die Digitalisierung, zusammen mit der fortschreitenden Globalisierung, führt zu einem erhöhten Leistungsdruck auf Unternehmen und deren Mitarbeitenden. Der Wandel wird sich zudem weiter beschleunigen und Veränderungen, die früher über Generationen vollzogen wurden, erfolgen dann innerhalb einer einzigen Generation. Während bei der ersten, industriellen Revolution erst der Sohn des Melkers nicht mehr Melker sondern Fabrikarbeiter wurde, werden die meisten heute Berufstätigen während des aktiven Arbeitslebens einen neuen Beruf erlernen müssen bzw. können.

Die disruptiven Elemente der Digitalisierung haben Auswirkungen auf die Schule. Welchen Herausforderungen muss sich das Schulsystem stellen?

Im Rahmen der der Digitalisierung stehen Lehrbetriebe immer mehr in der Verantwortung, neue Lernangebote nicht nur für die Weiterbildung, sondern auch für die Umschulung von Mitarbeitenden bereitzustellen. So sollte es nicht nur beim Eintritt in das Arbeitsleben möglich sein einen Beruf zu erlernen, sondern auch später im weiteren Verlauf und dann modular abgestimmt auf die unterschiedliche Vorbildung der Mitarbeitenden. Die Ausbildungsbedürfnisse werden sich schneller als in der Vergangenheit ändern und demnach müssen Lehrpläne zeitgerecht angepasst werden können. Insgesamt werden mehr neue Stellen geschaffen werden als alte wegfallen. Die Unternehmen werden viele Stellen mit neuen Kompetenzanforderungen zu besetzen haben. Diese neuen Kompetenzen müssen auf allen Stufen vermittelt werden (Grundschule, Berufsbildung, Weiterbildung, Umschulung). Soziale Kompetenzen, Kreativität (z.B. für die Lösung von unstrukturierten Problemen) und eine gewisse IT-Affinität (aber nicht jeder muss ein Programmierer sein) werden in Zukunft wichtig sein. Dazu kommt eine Mentalität, wo sich die Mitarbeitenden wohlfühlen, mehr (Eigen-)Verantwortung zu übernehmen und flexibel auf sich ändernde Arbeitsmarktverhältnisse zu reagieren.

Welche Unterrichtskultur wäre Ihnen wichtig?

Wichtig erscheint mir eine Unterrichtskultur in der die Schüler/Studenten schon früh eine angemessene Mitverantwortung für den Lehrbetrieb übernehmen können, wo das Lernen und zum Teil auch „Liefern“ in Gruppen erfolgt und das Zurechtfinden in ambivalenten Situationen (z.B. zu viele, zum Teil widersprüchliche Informationen als Ausgangslage für eine Problemstellung) geschult wird. Selbstverständlich gehört dazu auch, dass die Lernenden dazu herangeführt werden, zu experimentieren und aus Fehlern konsequent zu lernen.

Berufsschulen sind mit der Wirtschaft einigermassen verzahnt. Was raten Sie Lehrpersonen und Schulleitungen an Berufsschulen, damit sie den Anschluss halten?

Wir sind stolz auf die grosse Durchlässigkeit des Schweizer Schulsystems. Diese Durchlässigkeit gilt aber nur für die Lernenden. Schon vor 17 Jahren war es an meiner MBA Business School normal, dass diese Durchlässigkeit auch für die Professoren gilt. Mein Capital Markets Professor hatte beispielsweise früher an der Wall Street gearbeitet und ist später wieder dahin zurückgekehrt. Eine solche Durchlässigkeit würde besser erlauben, den Anschluss zu halten.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?

Ich sehe die folgenden Hauptherausforderungen:

  • Vertiefung der IT-Kenntnisse auf der Grundstufe und bei der Lehrerausbildung/-weiterbildung

  • Förderung der sozialen Kompetenzen, die auch in einem angemessenen Rahmen für potentielle Arbeitgeber sichtbar gemacht werden müssen

  • Beschleunigung der Anpassung an die sich immer schneller ändernden Anforderungen

  • Förderung von MINT-Abgängern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik)

  • Erhöhung der aktuell immer noch zu tiefen Weiterbildungsquote der Tiefqualifizierten

Kontakt

Markus Koch markkoch@deloitte.ch

Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch gallus.zahno@educa.ch

Download

Wirtschaft 4.0 und die Auswirkungen auf die Schule
Interview als pdf (PDF, 526.82 KB)
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 20.09.2017

Job