Berufslernende in der Wirtschaftskrise

Die Wirtschaftskrise macht auch vor Berufslernenden und Lehrabgängern nicht Halt. Wie reagiert der Staat auf diese Situation? Serge Gaillard ist Leiter der Direktion für Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft SECO. Zuvor war er Leiter des Zentralsekretariats des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes und arbeitete 1979-1985 als Berufsschullehrer in Zürich.

Foto Serge Gaillard

"Die Berufsfachschulen leisten einen unschätzbaren Beitrag zur Qualifizierung der Jugendlichen. An die Berufsfachlehrpersonen werden grosse und vielfältige Anforderungen gerichtet. Sie leisten einen grossen Beitrag zur Integration der Jugendlichen in die Arbeitswelt."

Serge Gaillard, Leiter der Direktion für Arbeit im SECO

Weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Ich habe die Aufnahmeprüfung für die Oberrealschule (so hiess das mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium damals) bestanden und habe deshalb die Maturität gemacht. Ich habe mir in diesem Alter nicht so viele Fragen gestellt.

Sie haben selber einige Zeit an einer Berufsschule unterrichtet. Welche Erfahrungen haben Sie persönlich dabei gemacht

Die Berufsschüler standen mit beiden Beinen im Leben, sie schienen mir viel selbständiger als Mittelschüler. Für mich als Lehrer war es attraktiv, die sogenannt allgemeinbildenden Fächer als Instrumente zur Lösung von praktischen Problemen im Alltag vermitteln zu können. Die Kombination von Alltagserfahrungen und Ausbildung motivierte die Schüler sehr.

Junge Menschen sind heute in einer schwierigen Position: Ein Platz in der Berufswelt für eine Lehrstelle muss erkämpft werden. Da ist der Weg über das Gymnasium für viele ein einfacherer Weg. Ist so das schweizerische System der Berufsbildung überhaupt zukunftstauglich?

Zwei Drittel der Jugendlichen entscheiden sich für eine berufliche Grundbildung als Einstieg in ihre Karriere. Die Berufsbildung verbindet Theorie und Praxis und bietet somit eine Alternative zum akademischen Weg. Die Abschlüsse der beruflichen Grundbildung sind auf dem Arbeitsmarkt anerkannt und werden nachgefragt. Mit der Möglichkeit, zusätzlich eine Berufsmaturität zu erlangen und dank den Angeboten der Höheren Berufsbildung stehen für die Jugendlichen eine grosse Vielfalt an Berufsperspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten offen.

Jugendliche, die ihre Lehre abgeschlossen haben, sind von der konjunkturellen Krise der Wirtschaft stark betroffen. Welche Gefahren erkennen Sie und welche Massnahmen unternimmt der Bund, damit Lehrabgänger den Sprung in die Arbeitswelt schaffen?

Wer über eine abgeschlossene Berufsbildung verfügt, ist für das Erwerbsleben gut vorbereitet. In Krisenzeiten besteht zwar die Gefahr, dass Jugendliche nach der Ausbildung keine Festanstellung erhalten. Die Arbeitslosigkeit dauert aber meistens nicht lange. Vor allem solche mit einer abgeschlossenen Berufslehre finden rasch eine Arbeitsstelle.

Der Bund entwickelt das schweizerische Modell der arbeitsmarktorientierten Berufsbildung ständig weiter. Er engagiert sich in einer Verbundpartnerschaft mit den Kantonen und den Organisationen der Arbeitswelt für ein starkes Ausbildungssystem. Da es in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise für Jugendliche schwieriger wird, nach dem Lehrabschluss eine Stelle zu finden, hat Bundesrätin Doris Leuthard gemeinsam mit den Sozialpartnern die Unternehmen und die öffentliche Hand dazu aufgerufen, keine Arbeitsstellen auf Kosten der jungen Stellensuchenden abzubauen. In der Tat sind die Lehrabgänger im Sommer 2009 trotz schwieriger Wirtschaftslage gut auf dem Arbeitsmarkt aufgenommen worden. Für das Jahr 2010 sind im Rahmen des dritten Stabilisierungspakets weitere Massnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit vorgesehen.

Welche Wünsche haben Sie an die Lehrpersonen an den Berufsfachschulen?

Die Berufsfachschulen leisten einen unschätzbaren Beitrag zur Qualifizierung der Jugendlichen. Die Lehrpersonen haben unter anderem auch die wichtige Aufgabe, die Lernenden optimal auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Sie bringen den Jugendlichen den Nutzen der Bildung bei und befähigen die Lernenden zum eigenständigen Lernen. Das richtige Bewerben ist von entscheidender Bedeutung bei der Stellensuche. Auch hier können die Lehrpersonen von Berufsfachschulen durch die Vermittlung der erfolgsversprechenden Bewerbungstechniken wertvolle Unterstützung leisten. An die Berufsfachlehrpersonen werden grosse und vielfältige Anforderungen gerichtet. Sie leisten einen grossen Beitrag zur Integration der Jugendlichen in die Arbeitswelt.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?

Die Schweiz kann sicher stolz auf ihr duales Berufsbildungssystem sein. Von der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, haben wir für unser Bildungssystem im internationalen Vergleich sehr gute Noten erhalten. Auch in der Zukunft muss es gelingen, die Berufsausbildung an die technologische Entwicklung und den wirtschaftlichen Wandel anzupassen. Auch müssen immer wieder neue Unternehmungen von der Bedeutung und vom Nutzen der Berufsbildung überzeugt werden. Am Erfolgsmodell der engen Verbindung von Theorie und Praxis in der Berufsbildung sollten wir dabei festhalten. Dadurch stellen wir sicher, dass auch in Zukunft genaue jene Qualifikationen vermittelt werden, die in der Wirtschaft nachgefragt werden.

4.01.01.2010

Kontakt

E-Mail Serge Gaillard: serge.gaillard@seco.admin.ch

Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch g.zahno@red.educa.ch

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